Erfahrungsbericht Alexandra

per E-Mail von Alexandra eingesandt am 30.11.2006

Ein Engel in meinen Armen

Diesen ersten Text hat mein Mann im Namen meines Sohnes geschrieben:

Ich bin Katharinas großer Bruder. Meine kleine Schwester ist eine richtige Berühmtheit. Mir kommt es oft vor, als würden momentan alle, die ich kenne, nur über sie reden. Die wissen sogar Bescheid, wann Katharina abends schlafen geht, oder wann sie in der Badewanne plantschen darf. Aber das verdanken sie mir, denn diese kleinen Geheimnisse habe ich ausgeplaudert!

Bevor Katharina in Mamas Bauch eingezogen ist, war ich der strahlende Mittelpunkt meiner Familie. Ich hatte mein eigenes Kinderzimmer, jeder tanzte nach meiner Pfeife und Mama und Papa hatten immer Zeit zum Spielen.
Doch dann wurde Mamas Bauch immer dicker und wenn ich mit ihr herumbalgen wollte oder sie mich zu sich hochheben sollte, hieß es nur mehr " Mama darf das nicht mehr, wir müssen doch jetzt auf das Baby aufpassen." Was ein Baby war, wusste ich schon. Die sind ziemlich klein und machen eine Menge Krach wenn sie mal losbrüllen. Aber ich kann ihnen schon sehr gut den Schnuller in den Mund stecken, und meistens ist es dann wieder ruhig. Bloß zum Spielen sind sie nicht so richtig zu gebrauchen. Und außerdem sollte ich meine Kuschelwindeln und meine Spielsachen mit dem Baby teilen, und darauf hatte ich so gar keine Lust.

Aber irgendwie freuten sich alle total über Mamas dicken Bauch und ich habe mich dann auch einfach mitgefreut. Und als Mama mir auch noch erklärte, dass ich dann ein großer Bruder sein würde und ihr beim Babybaden und wickeln helfen dürfen würde, war ich irgendwann schließlich auch ziemlich stolz auf dieses kleine Ding, dass so lustige Beulen in Mamas Bauch machte.
Ich wollte, dass es endlich aus dem Bauch rauskam zu uns, aber Mama meinte, so schnell ginge das nicht. Aber wenn Katharina, so sollte das Baby nämlich heißen, dann endlich rauskommen würde, müssten Mama und Papa ins Krankenhaus und ich dürfte ein paar Tage zu Oma und Opa.
Und dann war es plötzlich so weit. Als ich eines morgens aufwachte, war statt Mama plötzlich Oma da. Sie sagte, dass Mama ins Krankenhaus gemusst hatte und Papa war auch mitgefahren. Ich kombinierte natürlich blitzschnell, dass wohl jetzt das Baby rausgekommen war. Ich durfte dann bei Oma und Opa Urlaub machen, was viel Spaß machte.

Einige Zeit später kamen dann Mama und Papa mich abholen. Eigentlich wollte ich noch etwas bleiben, aber wir fuhren noch meinen Freund Julian besuchen, das war dann in Ordnung für mich.
Am nächsten Tag kuschelte ich mich morgens wie immer zu Mama ins Bett. Da erzählte sie mir dann, dass ich eine ganz tolle kleine Schwester bekommen hätte. Sie hatte auch ein Foto dabei und meinte, Katharina wäre ein genauso hübsches Baby wie ich eines gewesen war. Aber dann fing Mama an zu weinen, weil sie Katharina nicht mit nach Hause nehmen können hatte. Das fand ich nicht weiter schlimm, denn dann mussten wir sie halt im Krankenhaus besuchen.
Mama erklärte mir dann noch einiges und heute weiß ich, die Sache hat einen Haken:

Meine kleine Schwester wohnt im Himmel.



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Die ersten Spuren hatte mein Kind bereits hinterlassen, als von einer neuen Schwangerschaft noch gar keine Rede war. Im Herbst 2005 wurde ich eines Sonntagmorgens wach und hatte einen Namen im Kopf: Katharina. Mein Mann war mehr als verblüfft, als ich ihm erklärte, dass dies der Name unseres nächsten Kindes sein werde. Dazu muss man sagen, dass wir eigentlich mit der Familienplanung abgeschlossen hatten. Ein quirliger Lausbub war genug.
Doch nach ein paar Tagen, in denen das Thema nicht mehr angesprochen worden war, kam Rudi plötzlich an und meinte, ich habe recht, ein kleines Mädchen würde wirklich noch gut zu uns passen.
Also begannen wir zu "basteln". Doch was bei Philipp ganze 2 Wochen gedauert hatte, ließ jetzt auf sich warten. Erst kam mein Zyklus nicht, dann war ich krank.
Erst als im Mai meine beste Freundin kam und mir freudestrahlend erzählte, sie habe Mitte Jänner Geburtstermin, war es bei mir auch so weit, der Test war endlich positiv. Und das Schönste: mein EGT lag mit dem 27. 01. 2006 genau am 3. Geburtstag meines Sohnes und nur 3 Tage nach dem EGT meiner Freundin!
Alle waren happy, wir und die wenigen, die wir so früh schon einweihten.
Doch diese Schwangerschaft verlief so völlig anders als die letzte. In der 8. SSW musste ich plötzlich mit Blutungen in die Klinik, doch nach 2 Tagen war alles vorbei. Die Ärzte meinten, ich müsste mich einfach etwas zurücknehmen.
Die nächsten Wochen war mir ständig schlecht und alles tat weh. Gottseidank hatte ich meine Mutter, die mir immer wieder im Haushalt half.
Mitte Juli waren die Schwangerschaftswehwehchen verschwunden und mir ging es bestens: Bauch noch klein, toller Urlaub im Familienhotel und Mann und Kind die sich unheimlich auf das Baby freuten.
Doch schon 2 Wochen später, ich war jetzt in der 14. SSW brach die Realität über mich herein. Nach einer Routinekontrolle beim Hautarzt war der Befund da: malignes Melanom, Hautkrebs. Ich heulte 2 Tage lang durchgehend, bis ich den nächsten Termin bei der Hautärztin hatte. Gottseidank war das Melanom noch im Frühstadium, und wenn alle Befunde ok waren, würde eine operative Entfernung reichen. Nachdem ich eine Woche von Arzt zu Arzt rannte und eine Stunde auf dem OP-Tisch verbracht habe, war es vorbei. Die Ärztin hatte alles rausnehmen können und mehr als eine 15cm lange Narbe war nicht mehr übrig.
Mein Mann hat sofort einen Wellness-Kurztrip gebucht, den ich anfangs auch sehr genossen habe. Doch jetzt rächten sich die Strapazen der letzten Tage.
Ich bekam in der 16. SSW Frühwehen. Wieder ab in die Klinik, wieder liegen und danach schonen. Und das tat ich auch. Keinen unnötigen Handgriff machte ich mehr.
In der 17. SSW spürte ich meine Kleine das erste Mal strampeln, da wusste ich, jetzt wird alles gut. Und wirklich, mit jedem Tag, den mein Bauch wuchs, hatte ich mehr Energie und ging es mir wieder besser. Keine Blutungen, keine Wehen. Doch im Hinterkopf hatte ich immer noch einen Satz, den ich beim 1. Klinikaufenthalt von einer Hebamme hörte: "Wenn ein Kind nicht bleiben kann, wird es gehen. Egal wie sehr du darum kämpfst." Aber mir ging es jetzt ja gut.
Fast täglich kam meine Freundin vorbei, wir verglichen unsere Bäuche und wälzten Baby-Kataloge. Mittlerweile war ich in der 27. SSW und ich war der Meinung, nun kann eigentlich nichts mehr passieren, selbst als Frühchen hätte Kathi bereits ausgezeichnete Chancen, da sie schon sehr groß und schwer war.
Für den Nationalfeiertag hatten wir einen kleinen Ausflug geplant. Zu einer Almhütte, die meinen Eltern gehört, sollte es gehen. Man kann mit dem Auto zufahren, also ideal für eine Schwangere.
Doch irgendwie war schon am Morgen etwas komisch. Ich hatte im Vergleich zur letzte Zeit einfach extrem gut geschlafen. Außerdem hatte Katharina bereits einen ausgeprägten Rhythmus entwickelt, spätestens 5 Minuten nachdem ich wach geworden war, fing sie normalerweise an zu strampeln. Heute nicht. Noch dachte ich mir nicht viel, dann schlief sie heute eben länger. Doch als auch während der Autofahrt ruhig blieb, wurde ich langsam unruhig. Den ganzen Tag über versuchte ich dann immer wieder, meinen Schatz wach zu kriegen. Doch mein Bauch blieb ruhig. Am Abend wieder zu Hause wurde mein Bauch dann immer wieder hart. Als mein Sohn damals zur Welt kam, hatte ich ihn in den Stunden vorher auch nicht mehr gespürt. Also hatte ich meine Erklärung: mein Mädchen wollte halt jetzt schon zur Welt kommen. Um 22.00 fuhr ich mit dem Taxi in die Klinik, mein Mann wartete noch auf den Babysitter und kam ein paar Minuten später nach.
Im Kreißsaal wollte die Hebamme gleich mal nach den Herztönen sehen. Während sie suchte, wurde sie immer ruhiger. Nach ein paar Minuten rief sie eine Kollegin, die noch einmal 10 min suchte. Nach einer Kontrolle mit dem Ultraschall stand es dann fest: keine Herzaktivität mehr feststellbar.
Ich war so froh, dass mein Mann bei mir war, denn ich kann mich an keinen Satz mehr erinnern, der dann noch von den Ärzten und Hebammen kam.
Mittlerweile war es nach Mitternacht und wir entschieden uns, mit der Geburtseinleitung noch bis Mittag zu warten. Die restliche Nacht verbrachten wir in einem eigenen Zimmer, doch geschlafen haben wir beide nicht. Am nächsten Morgen erklärte uns der Oberarzt noch einmal den geplanten Ablauf, doch so richtig Bescheid wussten wir erst nach einem Gespräch mit der Psychologin, die mich auch heute noch betreut. Sie war sehr einfühlsam und hatte auch die Antwort für unsere dringendste Frage: Was passiert dann mit unserem Kind. Denn die Aussage einer offensichtlich überforderten Ärztin, "Sie können im Prinzip mit dem Kind machen was sie wollen" hat uns nur schockiert. Jetzt wussten wir, dass wir Katharina entweder im Familiengrab beisetzen konnten oder in einer neuen Gruft für still geborene Kinder am Salzburger Kommunalfriedhof, wofür wir uns dann auch entschieden. Denn ein Begräbnis durchzustehen konnten wir uns einfach nicht vorstellen.
Gegen Mittag bekam ich dann das erste Zäpfchen um die Wehen anzuregen. Laut Arzt konnte es 8 bis 10 Stunden dauern, bis die Zäpfchen anschlugen. Doch bei mir fingen schon eine Stunde später die ersten stärkeren Wehen an und der Muttermund ging schon 2 Finger breit auf.
Gegen halb 4 waren es bereits 5cm. Ich kam in den Kreißsaal, wo mich eine sehr liebevolle, einfühlsame Hebamme betreute. Sie öffnete als erstes die Fruchtblase, um die Geburt schneller voranzutreiben. 3 Stunden später hatte ich bereits jede halbe Minute extrem starke Wehen, sodass die PDA für mein Gefühl viel zu spät gelegt wurde.
Um 19.20 spürte ich die erste Presswehe, die ich aber noch nicht wahrhaben wollte. Die Hebamme redete mir gut zu, ich müsse meinen Engel jetzt loslassen. Mit der nächsten Wehe kam Katharina zur Welt und gleichzeitig ging meine Welt unter. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich einen Nervenzusammenbruch. Mein Mann, der die ganze Zeit nicht von meiner Seite gewichen war, versuchte so gut wie möglich, mich zu beruhigen. So hielten wir uns ein paar Minuten engumschlungen und weinten.
In der Zwischenzeit hatte die Hebamme Katharina abgenabelt, angezogen, Fotos von ihr geschossen und Hand- und Fußabdrücke für uns gemacht. Eingewickelt in eine Windel legte sie uns unsere Tochter dann in die Arme. Sie war so wunderschön. Minutenlang starrte ich sie an und wartete auf einen Atemzug, eine kleine Bewegung von ihr. Doch da war nur Stille.
Rudi machte einige Fotos von unserem schlafenden Engel. 2 Stunden lang streichelten, küssten und betrachteten wir unsere Tochter ausgiebig. In dieser Zeit war ich erstaunlich ruhig, konnte sogar lächeln, als wir die enorme Ähnlichkeit zu unserem Sohn feststellten.
Diese Zeit hatten wir ganz für uns allein. Erst als wir unsere Kleine wieder der Hebamme übergeben hatten, kam der Oberarzt zu uns. Er riet uns zu einer Obduktion, da keine offensichtlichen Gründe für Katharinas Tod vorlagen. Sie hatte keine Nabelschnurumschlingung und die Versorgung durch die Plazenta war auch nicht gestört gewesen. Er vermutete einen plötzlichen Kindstod, der in ganz seltenen Fällen offenbar auch schon im Mutterleib vorkommt. Aber genaueres würde nur eine Obduktion aufzeigen. Also stimmten wir zu, denn wir wollten Gewissheit haben.


Die nächsten 2 Tage verbrachten wir noch in der Klinik, liebevollst umsorgt von den Schwestern und auch die Hebamme schaute noch mal vorbei. Ich bekam Tabletten gegen den Milcheinschuss und war körperlich nach kurzer Zeit wieder fit.
Die ersten Tage zu Hause erlebte ich wie in Trance. Wir versuchten uns so gut wie möglich abzulenken, doch in jeder ruhigen Minute brach ich wieder in Tränen aus. Die Hebamme hatte mir noch einen Satz mit auf den Weg gegeben:
"Sie werden jetzt ihre wahren Freunde kennen lernen.", und sie sollte rechtbehalten.
Ich gestaltete eine Geburts-Todesanzeige, die ich an alle unsere Freunde verschickte. Von vielen bekamen wir liebevolle Anrufe, Mails oder Briefe.
Einige, die wir eigentlich für sehr eng befreundet hielten, haben sich bis heute nicht gemeldet.

Nach 3 Tagen zu Hause holten wir unseren Sohn bei Oma und Opa ab. Als ich ihm erklärte, warum zwar mein Bauch weg aber seine Schwester trotzdem nicht bei uns sondern jetzt im Himmel war, meinte er nur: "Mama, nicht weinen.
Kriegst später eh noch ein Baby in Bauch rein."
Nach diesem Satz haben mein Mann uns entschieden, wir wollen noch ein Baby.
Wie schnell, das wird sich von selbst ergeben.
Ich habe in unserer Wohnung ein Foto von Katharina aufgestellt, neben dem ständig eine Kerze brennt. Philipp steht immer wieder davor und spricht mit seiner Schwester. In seiner Phantasie lebt sie im Himmel, schaltet das Licht oben aus damit es bei uns dunkel wird und sorgt für Regen wenn sie duschen geht. Als ich ihm vor Kurzem vom Christkind erzählte, war er froh, dass Katharina jemanden zum Spielen im Himmel hat und die beiden wären sicherlich die besten Freunde. Dank Philipp ist sie immer präsent, und es fällt immer leichter, über sie zu sprechen.


Mittlerweile sind 5 Wochen vergangen. Ich kann nicht sagen, dass es mir gut geht. Davon bin ich noch Lichtjahre entfernt. Doch mit jedem weicht die extreme Trauer ein Stückchen mehr einer liebevollen Erinnerung an mein Mädchen.
Ich musste in den letzen Wochen auch immer wieder organisatorische Sachen erledigen, wie zum Beispiel Wochengeld beantragen. Ich bin dabei immer auf tiefes Mitgefühl gestoßen, womit ich nicht gerechnet habe. So musste ich beim Wochengeldantrag nur mehr unterschreiben, es wurde alles für mich erledigt. Und schon am nächsten Tag war das erste Geld am Konto.
Doch der schwerste Gang für mich führte zur Pathologie, wo ich Katharinas Kleidung vorbeibringen konnte. Meine Freundin hatte das exakt gleiche Outfit, das ich eigentlich für Katharinas Nachhauseweg aus der Klinik gekauft hatte, noch einmal in Größe 42 besorgt.
Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass mein Engel nicht nackt daliegen muss, sondern hübsch angezogen und eingemümmelt in eine süße Kuscheldecke.

Doch eigentlich ist das gar nicht so wichtig, denn Katharina wird immer in meinem Herzen sein, und da wird es garantiert nicht zu kalt.

© Alexandra


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