Erfahrungsbericht Angela
per E-Mail von Angela eingesandt am 18.03.2005Kleine Geburt - Bericht
Unser zweites Baby
Unser zweites Baby

Diese Geschichte ist sehr traurig. Wir "übten" seit Juli 2004 an unserem zweiten Kind, aber da ich noch stillte, klappte es nicht so schnell. Stillen ist zwar kein zuverlässiger Empfängnisschutz, aber eben auch nicht gerade förderlich, wenn man noch ein Kind möchte.
Ende Dezember 2004 klappte es dann endlich, am 16. Januar 2005 hielt ich einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand, nachdem ich schon einige Tage lang ahnte, daß es geklappt haben könnte. Ich bin vor Glück im Viereck gehüpft, wir haben uns sehr gefreut. Am 21. September 2005 ist der Entbindungstermin, das Kind wird also etwa 2 Jahre und einen Monat jünger sein als Felix. Das war ziemlich genau der Abstand, den ich mir schon immer gewünscht hatte!
Am 1.2.2005 war die erste Untersuchung. Das Herzlein schlägt schon, alles bestens, laut Ultraschall ist das Kind 4 Tage jünger als ich annahm, dabei bin ich mir sicher, den Eisprung auf den Tag genau zu kennen. Naja, egal, ist ja sonst alles im Lot und bestens.

Ich fühle mich ziemlich schwanger, mit Heißhunger, aber völlig ohne Übelkeit. Klasse - so gut wie man sich als Schangere nur fühlen kann. Alles ist einfach perfekt! Am 1.3.2005 ist die nächste Vorsorgeuntersuchung und am 7.3.2005 wird's brenzelig, da wird die Nackenfalte gemessen und wir erfahren, mit welcher Wahrscheinlichkeit wir mit einem behinderten Kind, wie z.B. dem Down-Syndrom, zu rechnen haben. Hoffentlich geht alles gut und es gibt keinen Hinweis, sonst kommt eine Zeit des Bangens.
Ich freue mich schon auf den Ultraschall der normalen Vorsorge-Untersuchung am 1.3.2005. Unser Kind müßte inzwischen etwa 5cm lang sein und gut erkennbar, die Schwangerschaft ist 10 Wochen und 6 Tage alt. Die Frauenärztin verzieht etwas das Gesicht und geht erst einmal die Jalousien runterlassen. Ich ahne, daß etwas nicht stimmt. Ich habe kein sich bewegendes Gewebe gesehen. Wo schlägt das Herz meines Kindes? Keine erlösenden Worte der Frauenärztin, nur kritische Blicke. Ich höre mich sagen: "Sie sehen keine Herzaktivität.". Die Antwort: "Ja." Ich bin einfach nur fassungslos und kann es nicht glauben. Ich hatte keine Blutungen, keine mir bekannte Infektion, nichts. Warum? Warum ist mein Baby tot? Sie maß sicherheitshalber noch die Größe meines Babies. Etwa 2,5 cm, das entspricht 9 Wochen und 3 Tage, es sollte aber 10 Wochen und 6 Tage sein. Sein Herzlein hat also vor über einer Woche einfach aufgehört zu schlagen, und ich habe nichts davon bemerkt! Lediglich vermehrten Ausfluß hatte ich in der letzten Zeit festgestellt, aber das soll während einer Schwangerschaft ja nicht ungewöhnlich sein. Oder war das vielleicht doch ein Anzeichen für eine Scheideninfektion und ich hab' nichts dagegen unternommen?

Das geschah alles am Dienstag, dem ersten März. Unglücklichereweise kam mein Mann erst am Sonntag wieder von einer Dienstreise aus Amerika zurück. Ich war also ziemlich alleine. Die Ärztin sagte, ich müsse eine Ausschabung machen, dazu muß man ins Krankenhaus. Ich wollte auf jeden Fall noch warten, bis mein Mann wieder zu Hause ist. Sie meinte, bei Blutungen sollte ich aber auf jeden Fall ins Krankenhaus. Ich wartete und hatte eine furchtbare Woche. Ich mußte die Ausschabung für nächste Woche organisieren und rief dazu mehrere Krankenhäuser an, um herauszubekommen, welches Krankenhaus diese Operation wirklich ambulant macht, denn ich hatte wirklich keine Lust, auch noch eine Nacht im Krankenhaus zu verbringen. Ich ärgerte mich, daß es zwar haufenweise Informationen über Entbindungskliniken gibt, aber nichts darüber, wo und wie Ausschabungen in den einzelnen Krankenhäusern gehandhabt werden. Jeder dieser Anrufe tat mir erneut weh.
Ich weiß nicht warum, aber ich ahnte, daß ich bald Blutungen haben würde, ich fühlte mich auch nicht mehr so richtig schwanger, kein Heißhunger mehr. Am Freitag hat es dann schon etwas bräunlich geschmiert und am Samstag ging es dann mit den Blutungen los. Erst leicht, dann immer stärker, aber nicht so stark, daß ich beunruhigt gewesen wäre. Ich war einerseits froh, daß auch die Natur mir zeigte, daß meine Schwangerschaft vorbei ist, und nicht nur ein Ultraschallgerät. Andrerseits hatte ich auch Sorgen, da ich mich nicht wie von den Ärzten empfohlen verhielt und trotz Blutungen mit Felix zu Hause blieb. Aber ich wollte uns beiden den Krankenhaus-Streß nicht zumuten, solange ich keine Angst um mich habe. Es blutete etwa so stark wie nach Felix' Entbindung und mit deutlich mehr Gewebe als bei einer normalen Menstruation, oder vielleicht bis zu dreimal so stark wie bei einer normalen Menstruation. Körperlich ging es mir gut, ich hatte leicht erhöhte Menstruationsbeschwerden, aber nur im unangenehmen, nicht im schmerzhaften Bereich. Seelisch fühlte ich mich einerseits erleichtert, andrerseits auch belastet, weil ich den ärztlichen Ratschlägen nicht Folge leistete.
Als mein Mann am Sonntag früh aus Amerika zurückkam habe ich ihm die traurige Nachricht recht bald überbracht und der ganze Schmerz kam wieder hoch. Obwohl meine Blutungen leichter wurden, entschlossen wir uns, jetzt mal ins Krankenhaus zu fahren, zumindest zum Nachschauen. Ich hatte die Hoffnung, daß meine Fehlgeburt bereits beendet ist, da ich schon viel Gewebe verloren habe und da auch die Menstruationsbeschwerden schon vorbei waren.
Im Krankenhaus wollte man mich eigentlich sofort stationär aufnehmen, aber das habe ich verweigert. Trotzdem schickte man mich zur Wöchnerinnenstation, denn am Wochenende ist im Krankenhaus nur Notbetrieb. Dort wartete ich ewig, bis sich eine Schwester Zeit nahm, und nochmal ewig, bis ein Doktor kam. Der meinte dann erst nur kurz, es würde noch eine Weile dauern, er müsse sich erst um eine andere Patientin kümmern. Ich weiß nicht, wie lange wir bei den Wöchnerinnen warteten, auf jeden Fall mehr als eine Stunde, wahrscheinlich weniger als zwei Stunden. Es ist sehr schwer, hochschwangere Frauen zu sehen, oder Patienten, die kleine Wägelchen mit Neugeborenen durch die Gegend schieben, während man gleichzeitig ein totes Baby im Bauch trägt. Es tat mir sehr weh. Gleichzeitig bekam ich auch Hunger. Ich wußte, daß der Arzt mir wahrscheinlich eine OP nahelegen würde, für die ich idealerweise nüchtern sein sollte, aber es wurde immer später und irgendwann beschloß ich, daß ich jetzt keine OP mehr für den gleichen Tag möchte und biß in ein Stück Kuchen. Just in dem Moment kam der Doktor zur Tür herein und sein argwöhnischer Blick war nicht zu übersehen, als er mich in den Kuchen beißen sah. Aber er verkniff sich noch jeden Kommentar.
Ich wurde untersucht. Meine Fruchtblase war geplatzt, das Fruchtwasser abgegangen. Dadurch ist der normalerweise schöne Kontrast weg und man sieht am Ultraschall nicht mehr viel. Der Arzt sah aber noch viel Schwangerschaftsgewebe, ob mein Baby noch da ist, konnte er mir nicht sagen. Ich war mir dann jedoch ziemlich sicher, daß es noch da sein muß, da es ja immerhin schon 2,5 cm groß ist und mir das sicherlich aufgefallen wäre. Ich wollte wissen, ob ich die Schwangerschaft natürlich beenden kann. Der Arzt lehnte vehement ab, auf keinen Fall. Er sagte, es würde zu sehr starken Blutungen kommen und zu sehr starken Schmerzen, falls ich das versuche. Ich argumentierte mit Naturvölkern, er erwiderte, daß in Naturvölkern die Sterblichkeitsrate unter schwangeren Frauen auch sehr hoch sei, so etwa 40-50 pro 1000 Frauen, wohingegen wir nur 4-5 pro 100000 Frauen haben. Er sagte auch, nach meinen Schilderungen sei das meiste Material noch drinnen, ich hätte sonst sehr starke Schmerzen gehabt und nicht nur Menstruationsziehen. In dieser Schwangerschaftswoche könne man da wirklich nichts mehr machen, erst wieder ab etwa der 32. Woche, wenn die Plazenta bereit ist, sich zu lösen. Ich bat, dann wenigstens eine genetische Untersuchung des Materials zu bekommen, da ich wissen möchte, ob mein Kind behindert gewesen wäre, und da ich das Geschlecht wissen wollte, um meinem Kind einen Namen geben zu können. Der Arzt lehnte dies ab, dies würde erst ab der dritten Fehlgeburt gemacht werden. Wir kamen uns immer mehr in die Haare, da er auf meine Fragen und Wünsche nicht einging. Stattdessen erzählte er mir, daß Fehlgeburten etwas ganz normales seien (ja, ich weiß, sie treffen 10-15 % aller Schwangerschaften oder fast jede zweite Frau im Verlauf ihres Lebens), und ließ durchblicken, daß ihm jedes Verständnis für mein Verhalten fehlte. Er nannte mich eine "schwierige Patientin". Dabei möchte ich doch nur wissen, was mit meinen Baby los ist, und ob ich diese Operation irgendwie vermeiden kann, ist dies so unverständlich? Für diesen Arzt schon - für ihn ist es offenbar kein Baby, das stirbt, sondern nur etwas Gewebe, das abgeht und operativ entfernt werden sollte. Ich war stinksauer auf diesen Arzt, aber ich hatte keine Wahl, es gab am Sonntag nur diesen einen und ich wollte uns nicht den Streß antun, ein anderes Krankenhaus aufzusuchen.
Wir einigten uns darauf, daß ich am nächsten Morgen nüchtern zur Ausschabung komme, nachdem ich mit Kuchen im Magen momentan nicht operierbar sei, wie der Arzt vorwurfsvoll meinte. Da noch viel Papierkram erledigt werden muß, konnte er mir nicht sagen, wann ich drankomme und damit auch nicht, wann ich wieder zu Hause bei Felix sein werde. Das machte uns die Planung nicht gerade einfacher.
Meine Blutungen waren weiterhin nur etwa regelstark und ich verlor nur sehr wenig Gewebe. Gleich morgens nach dem Aufstehen kam noch ein kleiner Schwall, sowie ein etwas mehr als daumengroßer, wirr verwobener, dunkelroter "Gewebekloß", aber kein sichtbares Baby. Ich weiß auch nicht, ob ich ertragen könnte, mein Baby in diesem Stadium zu sehen. Ich war hin- und hergerissen: Einerseits wollte ich Abschied nehmen, mein Baby wenigstens einmal gesehen haben, auch wenn es noch so winzig ist, andrerseits hatte ich ein wenig Angst, ich könnte mich vielleicht abgestoßen fühlen oder den Anblick des toten Babies nicht ertragen.
Wir standen dann also um 7 Uhr morgens bei der Tagesklinik vor der Tür. Die Schwester war nett und sehr verständnisvoll und hat sich wirklich um eine zügige Abwicklung gekümmert. Mir ging es sehr schlecht bei dem Gedanken an diese Operation. Ich hatte Angst, Angst vor der Narkose, Angst vor einer möglichen Lungenembolie, die meine Mutter ein paar Jahre zuvor nach einer OP hatte und nur knapp überlebte. Ich hatte auch Angst, evtl. meine Gebärmutter zu verlieren. Und mir war gar nicht wohl bei dem Gedanken, daß bei der OP mein Baby sicherlich zerstückelt wird. Aber offenbar führte ja kein Weg daran vorbei. Der Narkosearzt klärte mich ausführlich auf, endlich mal ein Arzt, der sich wirklich Zeit für mich nahm! Der Gynäkologe war ein anderer als am Sonntag, er klärte besser auf, aber man sah, daß er auf dem Sprung war und keine Zeit für ein wirkliches Gespräch hatte, so stellte ich nur die allernötigsten Fragen, bekam aber versichert, daß das Ausschabungsmaterial genetisch untersucht werden wird - wenigstens etwas! Ich unterschrieb, was ich unterschreiben mußte und kam dann irgendwann nach 10 Uhr in den OP.
Die Operation verlief problemlos, schon um zwanzig vor elf war ich wieder wach und bei Sinnen und konnte auch bald den Aufwachraum wieder verlassen. Durch die Medikamente (ich hatte auch eine starke Beruhigungstablette bekommen, weil die Ärzte wohl fanden, daß ich "durch den Wind" bin) fühlte ich mich noch etwas "bedröhnt". Bald kam auch der Gynäkologe vorbei und bestätigte, daß alles gut gelaufen ist. Allerdings, so sagte er, könne eine genetische Untersuchung wohl nicht mehr gemacht werden, da bei der Operation kein Schwangerschaftsmaterial mehr gefunden wurde. Ich sagte ihm, daß ich nur ganz wenig Mensturationsgewebe verloren habe und nur regelstark blutete, und daß da dieser Gewebekloß war - das einzige Teil, das ich seit der Untersuchung am Sonntag verloren hatte, das etwas ungewöhnlich aussah. Er wollte sofort wissen, wo dieses Teil war und bestätigte mir, daß hier wohl das Kind eingewickelt war. Ich war einerseits froh, daß ich diese "kleine Geburt" völlig alleine geschafft habe, aber andrerseits auch sehr deprimiert, daß mein Kind nun auf dem Weg zur Kläranlage ist, ohne daß ich die Chance hatte, Abschied zu nehmen. Dies war nur sehr schwer für mich zu akzeptieren. Und ich war sauer, daß ich nie wissen würde, ob es gesund war, und auch sehr enttäuscht, daß ich nun nie sein Geschlecht erfahren würde. Ich hätte unserem Baby so gerne einen richtigen Namen gegeben, es ist Teil unserer Familie!
Aber ich war auch wütend - wütend, weil ich den starken Verdacht hatte, daß diese Operation und der ganze damit verbundene Streß und die Risiken völlig unnötig waren. Wütend, weil ich das Gefühl hatte, von den Ärzten nicht richtig aufgeklärt worden zu sein. Wütend, weil ich meiner Meinung nach vorschnell "unter dem Messer" gelandet bin.
Um drei Uhr hat mich mein Mann dann abgeholt, wir haben uns nach diesen Strapazen noch in einem Cafe einen Kuchen gegönnt und sind dann nach Hause gefahren. Es war ein sehr trauriger Tag, der letzte Tag, an dem unser Kleines bei uns war.
Abends hat mich endlich meine Hebamme zurückgerufen, die ich schon am Samstag versuchte, zu erreichen, sie hat meine Nachricht nicht früher erhalten. Leider war nun alles schon gelaufen. Ich schilderte ihr die Situation und sie bestätigte mir meine Vermutung, daß ich mir diese Operation wahrscheinlich hätte sparen können. Es tat trotzdem gut, mit ihr zu reden. Sie kannte den Arzt aus dem Krankenhaus, mit dem ich so überhaupt nicht klarkam und bestätigte mir, daß ganz viele andere Frauen dieselben Probleme mit ihm haben. Sie schlug vor, einen Beschwerdebrief zu schreiben, und genau das werde ich auch tun. Es wird vielleicht nichts im Krankenhaus ändern, aber es hilft mir, mir den Frust von der Seele zu schreiben.
Das war die Geschichte von unserem zweiten Kind. Wir wissen nicht, ob es ein Junge oder ein Mädchen geworden wäre und werden es auch nie erfahren. Und auch wenn es nie das Licht der Welt erblicken durfte, es wird immer in unseren Herzen weiterleben.
© Angela
bisheriger Link dieser Seite der *Muschel*-Erfahrungsberichte:
http://www.muschel.net/?q=node/26
künftiger Link dieser Seite (nach dem vollständigen Umzug der *Muschel*-Seiten):
http://www.muschel.net/erfahrungsberichte.html
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
letzte Aktualisierung dieser Seite: 2009-11-23, 17:28 Uhr
© Constanze Tofahrn-Lange, Wangerooge
2005 - 2012
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
