Erfahrungsbericht Annette

per E-Mail von Annette eingesandt am 13.02.2008

BERICHT:
Jetzt ist es mir auch passiert.
Ich glaubte mich sicher irgendwie, nach drei ziemlich komplikationslosen Schwangerschaften...
Pustekuchen...

Ich weiß genau von wann dieses Kindchen "stammt". Wir haben es aus dem Weihnachtsurlaub mitgebracht. Ich erinnere mich an jede Sekunde dieser Nacht. Ich erinnere mich noch genau, wie ich überlegte, dass das was wir tun eigentlich ziemlich unvernünftig ist, aber es war mir egal, denn es fühlte sich so richtig an.

Aus dem Urlaub daheim habe ich es sofort geahnt. Kein Wunder, es war ja meine vierte Schwangerschaft. Zuerst habe ich versucht, die Symptome anderen Begleitumständen zuzuordnen. Ich habe mit meinem Mann nicht über meine Vermutung gesprochen.
Dann kam meine Periode nicht.

Den Test habe ich früh am Morgen vor der Arbeit gemacht und bin anschließend heulend zu meinem Mann unter die Decke gekrabbelt. Er nahm mich in den Arm und lachte und sagte: "Also DOCH! Ich hab's geahnt. Ich freue mich so!"

Von Freude war ich weit entfernt. Meine Pläne für das Jahr sahen anders aus, ein Baby kam darin nicht vor. Außerdem hatte ich ja bereits ein Baby, unsere Jüngste war gerade erst 16 Monate alt!
Nein, es war mehr so ein "Programm", was ich abgespult habe: Wenig Kaffee, kein Alkohol, auf Ernährung geachtet (wegen SS-Diabetes), Folio, Eisen, halt das ganze Drumherum.
Aber ich habe es nicht "gespürt". Es war keine Euphorie in mir, so wie bei den anderen Kindern. Wenn ich sagte "Ich bin schwanger" klang das für mich komisch, falsch, fremd.

Wäre mein Mann nicht gewesen, der das Lächeln nicht aus den Augen bekam, hätte ich meine Schwangerschaft wohl immer wieder "vergessen".
Ich wollte es auch niemandem sagen.
Ich trug enge Jeans, um einen Bauch gar nicht erst erkennbar zu machen. Geschont habe ich mich auch nicht, fast so als wollte ich das Kindchen zwingen mir zu beweisen, ob es wirklich bei mir/uns leben will. Als ob ich es immer wieder auf die Probe stellen wollte: "Bist du zäh genug dafür???"

Heute fühle ich mich unsagbar schäbig, schlecht dafür und ich schäme mich unsagbar für das, was ich gedacht und gefühlt habe.

Irgendwann habe ich einen ersten Termin bei meiner Gyn vereinbart. Ich legte den Hörer auf und spürte ein Stechen im Bauch. Beim Gang zur Toilette bemerkte ich das Blut. Am Nachmittag war ich bei meiner Gyn, mein Mann war auch dabei, aber er wartete mit unserer Kleinen im Wartezimmer. Auf dem Ultraschall war unser Kindchen zu sehen. Wunderschön, wie alle meine Kinder. Und ich fühlte mich sofort so stolz und war so glücklich über dieses Menschlein, es war unglaublich.

Meine Gyn sagte, dass leichte Blutungen tolerabel wären, ich soll strenge Bettruhe halten und nächste Woche wieder kommen. Dann bekam ich noch eine Spritze Progesteron.

Dazu kam es aber nicht mehr.
In der Nacht bekam ich Schüttelfrost und schreckliche Bauchkrämpfe. Ich lag stocksteif im Bett, bewegte mich nicht und weigerte mich, auf die Toilette zu gehen. Als könnte ich es aufhalten, als könnte ich ihm endlich sagen, wie sehr ich mich doch auf es freue, wie sehr ich es will und für es da sein werde...

Nein, dazu bekam ich keine Gelegenheit.
Ich verlor mein Kind in dieser Nacht.

Keine Ausschabung, denn die Gebärmutter war leer...
Mein Mann hat sein Kindchen nie sehen dürfen und dabei hat er es von der ersten Sekunde an so sehr gewollt und geliebt.

Nie werde ich meinem Kindchen sagen können, wie sehr ICH es liebe, wie egal mir alle äußeren Umstände sind und waren, dass es bei uns gut geborgen und aufgehoben ist.

Das ist das Allerschlimmste für mich. Dass ich es niemals wieder gut machen kann.

Mein Mann will es noch einmal versuchen.
Aber ich bin dazu nicht bereit, denn ein weiteres Kind kann mir nicht helfen, mit meinem schlechten Gewissen fertig zu werden.
Das muss ich erst alleine mit mir klären.

Irgendwie.

© Annette


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