Erfahrungsbericht Birgit

per E-Mail von Birgit eingesandt am 26.08.2007

Hallo, ich bin Birgit. Mein Mann und ich sind mittlerweile stolze Eltern von Anna (geb. 1998) und René (geb. 2000). Bis dahin war es allerdings ein steiniger Weg:
Im Frühjahr 1996 lerne ich meine zukünftigen Mann kennen. Ich warne ihn, dass ich nicht verhüte und er meint nur "okay, dann werd ich eben Vater". Ganz schön leichtsinnig, wenn ich so im Nachhinein darüber nachdenke. Es muss dann auch sofort "geschnackelt" haben, denn direkt danach bleibt meine Regel aus. Wir sind ganz aufgeregt und kaufen uns einen Schwangerschaftstest. Der Streifen ist eindeutig blau aber die Linie ist ziemlich schwach, was heißt das nun? Also Anruf bei der Hotline der Herstellerfirma, Antwort: "blau ist blau, egal wie dick oder dünn", also schwanger!! Wir sind ganz aus dem Häusschen. Meine Frauenärztin wundert sich bei den folgenden Untersuchungen etwas, weil der Fötus ziemlich klein ist. Am 10.06., an meinem Geburtstag (!!) stellt sich heraus warum: Während der Untersuchung fragt mich die FA, ob ich vor der Schwangerschaft spezielle Hormone eingenommen hätte oder wir in der Familie Zwillinge hätten....ich erwarte Drillinge!! Na toll, was macht man in so einem Moment, lachen oder heulen? Ich lache jedenfalls erst mal, mein Mann trägt es ebenfalls mit Fassung. Meinen Eltern, die noch gar nichts von der frohen Kunde wissen erzählen wir erst jetzt, dass ich schwanger bin, schwanger bin und schwanger bin. Den Anblick könnt ihr euch sicher denken, Kinnlade runter, Puls dafür hoch ;-).
Ich nehme meine (bei Mehrlingsschwangerschaften vermehrte) Untersuchungen bei der FA wahr und habe eine spezielle Ultraschalluntersuchung im Klinikum- bei einer völlig unsympatischen Ärztin. Als ich meine Frauenärztin auf sie anspreche, meint sie dass diese Ärztin bekannt wäre für ihre "galante" Art; zu einer Schwangeren hätte sie mal gesagt: "Ich empfehle bei älteren Frauen immer eine Fruchtwasseruntersuchung, ich will schließlich später nicht für behinderte Kinder bezahlen müssen".
Zwischendurch heiraten ich meinen Mann (wen sonst), ich will zwar erst aus Trotz nicht, weil ich mir vornehme wegen einer Schwangerschaft nicht heiraten zu "müssen" aber nachdem mein Mann mich so lieb darum bittet...
Ich werde runder und runder und weiß gar nicht, wie ich die Schwangerschaft schaffen soll ohne vorher zu platzen. Dazu kommt es leider nicht. In der 22. SW habe ich eines morgens ein leichtes Ziehen im Bauch, das später etwas stärker wird. Das sind wohl Wehen, aber woher soll ich das wissen, ich hatte ja noch nie welche. Ich bin auch nicht der Typ, der gleich zum Arzt rennt, aber gegen Abend werden die Schmerzen dann so stark, dass wir zum nächstgelegenen Frauenarzt fahren. Nach kurzer Untersuchung meint er, wir sollen sofort ins Klinikum fahren. Ich komme noch bis in sein Treppenhaus, dort platzt die erste Fruchtblase. Während der Schwangerschaft dachte ich öfter daran, dass bei Mehrlingsgeburten manchmal ein Embryo abstirbt, und dass das mit den Drillingen ja noch gar nicht so sicher ist. Was mir aber nie in den Sinn gekommen wäre, ist diese Kettenreaktion, die nach dem Blasensprung folgt. Nachdem die Fruchtblase geplatzt ist, habe ich erst einmal keine Schmerzen mehr. Ich fahre also mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus und bringe das erste (tote) Baby zur Welt. Ich kann es weder anfassen noch ansehen, es würde mir das Herz zerreissen. Wir denken den Alptraum überstanden zu haben aber nur wenig später löst sich auch die zweite Fruchtblase. Auch dieses Baby bringe ich tot zur Welt. Dann ist klar, dass auch das dritte Baby nicht bleiben wird, und die Ärzte meinen, man könne versuchen, das Baby durchzubringen, aber es würden wohl, falls es überhaupt durchkommen würde, schwere Behinderungen zurückbleiben. Dieser schweren Aufgabe fühlen wir uns nicht gewachsen und ich stelle mich auf eine dritte Totgeburt ein. Der Arzt meint dann, man könne auch eine Ausschabung machen, dann müsse ich das ganze Leid nicht noch ein drittes Mal durchmachen. Ich bin zu diesem Zeitpunkt so kraftlos, dass ich zustimme.
Wir sind natürlich am Boden zerstört. Eine Möglichkeit zur Bestattung gibt es noch nicht, dafür habe ich vom Klinikflur aus direkten Blick zum Schornstein des Krematoriums!
Als ich nach Hause komme stehen Wiege, Wickeltisch etc. mit weißen Tüchern abgedeckt (Leichentücher??) im Kinderzimmer. Na, da geht es mir es doch gleich viel besser... Ein Zeichen der Hilflosigkeit meines Mannes und seiner Eltern. Mein Mann leidet ebenfalls sehr, was sogar am Ende zum Verlust seines Arbeitsplatzes führt (ein Mann macht wegen sowas doch nicht krank..). Ich bin körperlich sofort wieder fit, seelisch allerdings ebenfalls ein Wrack. Die Zeit heilt langsam die Wunden.
Im Mai des folgendes Jahres wache ich morgens mit starken Unterleibsschmerzen auf. Ich kann kaum noch laufen und lasse mich daher von einer Verwandten zum Hausarzt fahren. Ich äußere die Vermutung schwanger zu sein, da meine Periode in der vergangenen Woche nicht eingesetzt hat. Darauf er: "Nee, dass sind Blähungen, aber wenns nicht besser wird lassen Sie´s noch mal kontrollieren. Kaum wieder zuhause, wird es noch viel schlimmer. Hat jemand von euch schon mal versucht, den Notruf zu wählen? Ich wähle 110, denke ich sterbe, der am anderen Ende:" Was haben Sie?Ah da müssen sie da und da anrufen" (wahrscheinlich ärztl. Notdienst, weiß ich jetzt nicht mehr). Ich also krampfhaft versucht, mir diese Nummer zu merken und rufe dann dort auch an. Der am anderen Ende ebenfalls ungefähr so: "Was haben Sie? Ist das wirklich so schlimm? Sind sie auch sicher dass es sooo schlimm ist? Naja, wenn´s sein muss schicken wir jemand vorbei." Der Krankenwagen kommt dann auch wirklich- gut dass noch jemand im Haus wohnt, der die Tür öffnen kann, sonst hätte ich wahrscheinlich auch noch einen Schlüsseldienst anrufen sollen- wir fahren gemütlich (warum machen die kein Blaulicht an, ich sterbe gleich) ins Krankenhaus. Diagnose: Eileiterschwangerschaft- Not-OP! Danach wache ich auf der Intensivstation auf (ich hasse den trockenen Mund nach einer OP) und das erste was ich mitkriege ist ein Pfleger, der mit einem Pizzeriaflyer rumrennt und bei seinen Kollegen Bestellungen aufnimmt. "Grrrr", denk ich mir, "bestell mir ne Cola mit, ich hab einen Brand...". Das einzige was ich bekomme ist (nach viel Betteln) etwas Gurgellösung zum Mundausspülen- was soll ich sagen, ich habs bis heute nicht wieder ausgespuckt:-)  Später am Tag oder auch am nächsten kommt jemand und macht einen HG-Test. Mein Hämoglobinwert wandert ´gen Null (ich glaube 4Komma-irgendwas), ich werde gefragt ob ich Zeuge Jehovas bin weil ich keine Bluttransfusion bekomme. Ich sage "nicht dass ich wüsste" und dass mich auch noch keiner vorher drauf angesprochen hat. Ich bekomme also 2 Liter Blut (vielen Dank noch an Unbekannt) und darf soviel Pfefferminztee trinken wie ich möchte. Ich hasse Pfefferminztee, aber in diesem Moment würde ich dafür meine Seele verkaufen. Ich habe diese Schwangerschaft nie wirklich als Schwangerschaft angesehen, dafür war sie einfach zu "frisch". Es war einfach eine brenzliche OP. Klar, man macht sich nach dem zweiten Fehlversuch schon Gedanken, warum es nicht klappt.
Im Oktober des gleichen Jahres werde ich dann wieder schwanger und diese Schwangerschaft verläuft bis auf die Tatsache, dass unsere Tochter sich einfach nicht drehen will und somit ein Kaiserschnitt bevor steht, völlig problemlos. Ich möchte eigentlich bei der Geburt eine Vollnarkose, der Anästhesist kann mich aber überzeugen, dass die Lokalanästhesie schonender für Kind und Mutter ist. Es verläuft alles bestens, nur die ewige Näherei hinterher nervt, ich beschließe daher beim event. nächsten Mal einen Gameboy mitzunehmen.
Unser Sohn kommt 2000 hinterhergeflutscht, eine Traumgeburt. Wehen um 1 Uhr, Baby um 2 Uhr. Keine Zeit für Kinkerlitzchen wie Schmerzmittel oder Wassergeburt, er ist zu schnell (dafür ist er heute zu langsam :-). 
Ich denke manchmal daran, wie es wohl geworden wäre mit Drillingen. Ich bin alles andere als eine tolle Hausfrau, ich bin nicht sehr ordentlich, ich will auch meinen Freiraum und meine Freizeit, hätte ich das mit Drillingen überhaupt gepackt? Wir sind gut über den Verlust hinweg gekommen aber jetzt um diese Zeit (siehe Sternenkinder 27.8.) bin ich mit Gedanken immer bei den Dreien und ich habe mir vorgenommen, in den nächsten Tagen zum Friedhof zu fahren und dort den Gedenkstein der Sternenkinder zu besuchen. Leider wahrscheinlich wieder mit Blick zum Krematorium...
Viele liebe Grüße
Birgit

© Birgit


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