Erfahrungsbericht Carole

per E-Mail von Carole eingesandt am 19.10.2006

Hallo zusammen, ich bin 28 Jahre alt und mein Mann und ich wünschen uns seit 1 1/2 Jahren sehnlichst ein Kind. Doch es wollte einfach nicht klappen, ich war schon fast am verzweifeln, als ich im August plötzlich das Gefühl hatte, dass sich mein Körper irgendwie verändert... ich machte einen Schwangerschaftstest und der war positiv!!! Ich konnte mein Glück kaum fassen, am liebsten hätte ich die ganze Welt umarmt. Eine Woche später machte ich nochmals einen Test. Auch der war positiv! Überglücklich telefonierte ich meiner Frauenärztin und erhielt nur wenige Tage später einen Termin. Ich hatte mich entschieden, meinem Mann noch nichts davon zu erzählen, ich wollte ihn überraschen mit einem romantischen Abendessen und natürlich dem ersten Ultraschallbild von unserem Baby!!!

Bei meiner Frauenärztin stellte sich nach einem kurzen Gespräch heraus, dass ich ca. in der 7 Woche sein sollte, ich war so gespannt auf den Ultraschall... Ich sah die Fruchtblase auf dem Monitor und freute mich, doch als ich in das Gesicht meiner Ärztin sah wurde ich unruhig, sie sagte mir, dass eigentlich das Herz schlagen sollte, aber die Entwicklung höchstens fünf Wochen entsprach. Mir liefen die Tränen übers Gesicht, ich war verzweifelt. Meine Frauenärztin rechnete nochmals nach und sagte mir, ich solle noch nich zu sehr traurig sein, denn es sei schwer den Zeitpunkt der Befruchtung festzustellen, da mein Zyklus immer sehr unregelmässig war (er schwankte zwischen 4 und 9 Wochen). Ich erhielt einen neuen Termin in einer Woche. Ich war total ausser mir, lief heulend aus der Praxis uns ging nach Hause. Mein Mann hatte schon mehrmals versucht mich auf dem Handy zu erreichen, zu Hause angekommen klingelte das Telefon schon wieder. Ich liess es läuten. Nach dem dritten Mal nahm ich ab, und versuchte einigermassen fröhlich zu klingen, aber mein Mann merkte sofort, dass etwas nicht stimmte und ich begann zu weinen, ich musste es ihm sagen. Er liess im Geschäft alles stehen und liegen und kam sofort zu mir nach Hause. Ich war so froh, dass jemand bei mir war und mich in dem Arm nahm. Er freute sich so sehr, dass ich schwanger war und ich glaube er zweifelte keine Minute daran, dass unser Baby nicht leben sollte. Er gab mir so viel Kraft und einen Tag später hatte ich die Hoffnung wieder gefunden und glaubte ganz fest an unser Baby. Ich glaube, das waren die längsten sieben Tage in meinem Leben bis wir endlich zum Arzt konnten. Mein Mann begleitete mich. Auf dem Ultraschall konnte ich sofort erkennen, dass es gewachsen war und welch eine Freude, das kleine Herzchen schlug!!! Ich war in der sechsten Woche schwanger. Wir waren überglücklich und umarmten uns. Dann wurde der Geburtstermin errechnet, es war der 2.Mai, der Geburtstag von meinem Mann!!! Es war alles so perfekt ich glaube wir waren die glücklichsten Menschen auf Erden.

Die folgenden Tage waren wunderschön, wir schmiedeten Pläne wie unser Leben in Zukunft aussehen wird und freuten und jeden Tag aufs Neue. Bis ich am 18.09.06 leichte Blutungen und Schmerzen im Unterleib bekam. Ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Ich rief meine Ärztin an, doch die Praxis hatte bereits geschlossen, also entschied ich mich kurzerhand ins Frauenspital zu fahren. Ich rief meinen Mann an, er war noch bei der Arbeit. Im Spital angekommen hatte ich das Gefühl eine Ewigkeit zu warten bis ich endlich untersucht wurde. Mein Mann war noch auf dem Weg zu mir, als mich die Ärztin ins Zimmer bat. Sie fragte mich, wann ich zum letzten Mal meine Tage hatte, ich konnte es nicht sagen, aber ich teilte ihr mit, dass mein Baby heute 7 Wochen und 5 Tage alt sei. Sie lächelte und fragte erstaunt ob ich denn jeden Tag mitzähle? Ich nickte und musste schon wieder weinen. Die Ultraschalluntersuchung begann und ich sah mein Baby, ich hatte das Gefühl, dass es gewachsen sei, aber wo war der Herzschlag??? Die Ärztin schaute von allen möglichen Seiten, aber das kleine Herz schlug nicht. Ich hatte das Gefühl, dass ich keine Luft mehr kriegen würde. Als ich wieder angezogen war und auf dem Stuhl sass, kam mein Mann herein. Ich konnte nichts sagen, ich schaute ihn nur an und weinte. Die Ärztin riet mir nach Hause zu gehen und am nächsten Tag bei meiner Frauenärztin vorbeizuschauen. Wenn die Blutungen aber stärker würden, müsse ich wieder ins Spital kommen. Wir gingen nach Hause, die Trauer war riesengross aber die Hoffnung war noch nicht erloschen, vielleicht hat sich ja die Ärztin geirrt, vielleicht kann man das Herz ja am nächsten Tag schlagen sehen... Ich schlief fast gar nichts in dieser Nacht, so viele Gedenken rasten durch meinen Kopf und da war auch noch die Angst, dass ich plötzlich ganz stark zu bluten anfange. Endlich kam der Morgen und ich rief in der Praxis an, wo ich auch gleich einen Termin bekam. Ich ging alleine, ich wollte nicht, dass mein Mann schon wieder von der Arbeit weg musste. Meine Frauenärztin bestätigte mir, dass unser Baby nicht mehr lebt...

Sie fragte mich, wann ich ins Spital wolle zur Ausschabung und ich sagte ihr, sobald als möglich. Ich wollte, dass dieser Horror endlich vorbei ist. Ich erhielt noch am gleichen Tag um 17:00 Uhr einen Termin. Ich konnte nur noch weinen, unter Tränen rief ich meinen Mann an, welcher sich sofort auf den Heimweg machte. Ich packte ein paar Sachen, meldete mich bei der Arbeit krank und dann mussten wir auch schon los. Um 14:00 Uhr trafen wir im Spital ein. Mir wurde "mein" Zimmer gezeigt, Blut abgenommen und viele Fragen gestellt. Dann musste ich das Spitalnachthemd anziehen und wir wurden auf dem Zimmer alleine gelassen. Ich sah alles wie durch einen Film, konnte und wollte es nicht wahrhaben und plötzlich kam die Angst auf. Ich sagte zu meinem Mann, dass ich wieder nach Hause wolle, obwhol ich wusste, dass es nicht möglich war. Ich war so unendlich froh, dass er bei mir war, er versuchte mir all seine Kraft zu geben, obwohl es ihm ja auch schlecht ging.

Dann kam die Schwester um mich in den Operationssaal zu bringen. Mein Mann half, das Bett durch die Gänge zu schieben. Dann kam die Türe und mein Mann verabschiedete sich. Drinnen war es eisig kalt, ich wurde auf eine andere Liege umgebettet und mit einer vorgewätmten Decke zugedeckt. Ich zitterte am ganzen Körper, ich hatte panische Angst und die Tränen liefen mit wie Bäche über die Wangen. Dann kam der Narkosearzt er stellte sich vor und gab mir die Spritze. Ich hatte das Gefühl, sofort "eingeschlafen" zu sein.

Als ich wieder erwachte war ich zurück im Zimmer und mein Mann sass am Bett und hielt meine Hand. Ich war so froh ihn zu sehen. Ich schaute auf die Uhr und es war wohl so ca. eine Stunde vergangen. Ich war noch sehr erschöpft und schlief auch bald wieder ein. Im Halbschlaf bekam ich mit, dass sich mein Mann verabschiedete und sagte, dass er kurz nach Hause gehe und später wieder vorbeischauen würde.

Als ich wieder erwachte, konnte ich nur noch weinen. Als ich mich nicht beruhigte, gab mir die Schwaster eine Tablette, aber es wurde nicht besser.

Mein Mann kam und brachte mir eine Schachtel Toffifee und frischen Minzentee aus unserem Garten mit. Ich war froh ihn zu sehen, ich glaube ich habe viel geweint und wir haben geredet, aber so genau kann ich mich nicht mehr erinnern, alles war wie verschwommen. Irgendwann ging er nach Hause und ich war alleine.

Die Gedanken überschlugen sich in meinem Kopf und der Schmerz in meiner Seele war riesengross. Ich heulte und heulte und bekam eine weiter Beruhigungstablette, welche jedoch auch nicht half. Ich trank den Tee, welchen mir mein Mann mitgebracht hatte und war froh, dass wenigstens etwas schmekte wie zu Hause...

Ich schaute auf die Uhr und sah, wie die Minuten und Stunden vergiengen und weinte immer noch. Irgendwann, so gegen zwei Uhr morgens wurde aus der Trauer plötzlich Wut. Ich würde wütend auf Gott, weil er mir das angetan hatte. Ich fragte mich die ganze Zeit wieso? Was habe ich falsch gemacht in meinem Leben? Wieso ich? Ich begann wieder zu weinen. Ich stand auf und ging zum Fenster und schaute hoch zum Himmel. Er war bewölkt aber ab und zu gab es eine Lücke zwischen den Wolken und in so einer Lücke funkelte plötzlich ein heller Stern. Für eine Sekunde hatte ich ein Lächeln auf meinen Lippen. Ich wusste, dass dieser Stern mein Baby war, es wollte mir mitteilen, dass es gut im Himmel angekommen sei.

Ich merkte, wie ich ganz schwach wurde und schaffte es noch knapp bis ins Bett, ohne dass ich zusammenbrach. Wie lange ich dort am Fenster gestanden habe weiss ich nicht... Die Nachtschwester kam, um meinen Blutdruck und meine Temperatur zu messen. Sie sagte, dass sie mir keine Tabletten mehr geben dürfe, aber sie brachte mir Baldriantropfen. Das schien ein wenig zu helfen, denn ich konnte etwa 2 Stunden schlafen. Dann kam der Morgen, ich bekam Frühstück wovon ich versuchte einige Bissen herunter zu bekommen. Anschliesend durfte ich unter die Dusche. Ich war so froh, den Geschmak der OP herunterzuwaschen. Dann lag ich wieder im Bett, ich hatte keine Lust zu lesen oder den Fernseher einzuschalten. Ich lag einfach da und die Tränen liefen mir übers Gesicht. Die Schwestern kümmerten sich ganz lieb um mich, doch das konnte mich auch nicht aufheitern. Vom Mittagessen kriegte ich keinen Bissen herunter. Endlich war es 15:00 Uhr und mein Mann kam ins Zimmer um mich abzuholen. Ich war so froh, das Spital endlich verlassen zu können.

Nun bin ich seit 8 Tagen wieder zu Hause. Körperlich habe ich mich gut erholt, aber die seelischen Wunden wollen einfach nicht verheilen. Die ersten Tage zu Hause war die Trauer plötzlich weg, aber es kam eine grosse Leere. Ich hatte das Gefühl, dass mit meinem Baby auch meine Seele mitgegangen sei. Es fühlte sich an, als sei mein Körper nur noch eine leere Hülle.

Nun gibt es Tage an denen ich wenigstens für ein paar Stunden meine Zuversicht zurückgewinne und versuche positiv in die Zukunft zu schauen, doch die Trauer holt mich immer wieder ein.

Ich glaube ich habe nun verstanden, dass ich an der Situation nichts mehr ändern kann und das mein Leben weiter geht. Wieso mir dieses Schiksal wiederfahren ist werde ich jedoch nie verstehen!

Ich bin unendlich dankbar, dass ich meinen Mann an meiner Seite habe, der so unermüdlich versucht mir Kraft zu geben. ich weiss nicht, ob ich es ohne ihn geschafft hätte... Ich wusste schon immer, dass ich einen tollen Mann habe, aber nun liebe ich ihn noch mehr als zuvor und freue mich auf unsere gemeinsame Zukunft.

Auch wenn der Schmerz in meinem Herzen immer noch riesengross ist, weiss ich, dass unser kleiner Engel nun im Himmel ist und als Stern für uns leuchtet und als Schutzengel über uns wacht.

Mein kleiner Schatz Du wirst immer einen Platz in unseren Herzen haben, wir werden Dich nie vergessen und sind dankbar für die schönen 8 Wochen wo Du bei uns warst.

In Liebe Deine Eltern.

© Carole


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