Erfahrungsbericht Carolin

per E-Mail von Carolin eingesandt am 29.05.2007

Du gabst mir nicht einmal 2 Wochen.

Es war ein Zufallsfund und auch ein kleines Wunder, denn mein Hormonhaushalt und eine bereits seit Jahren ausbleibende Periode hätten mich eigentlich nicht schwanger werden lassen können. Es passierte trotzdem und ich war überglücklich.

Aus der leeren Fruchthöhle entwickelte sich binnen zweier Tage ein kleiner Embryo. Keine Herzaktivitäten, aber er war ja noch so klein. Zu klein für die 7.SSW, die anhand des HCG-Wertes festgelegt wurde - aber genau das war auch meine Hoffnung, denn diese Angabe basierte auf einer Vermutung. `Wohl eine nicht intakte Schwangerschaft` wurde diagnostiziert, 2 Tage später bestätigt und schon hatte ich die Einweisung ins KH zur Ausschabung in der Hand. Ich wollte kein Leben aushauchen, ich wollte das Kind und ich konnte nicht glauben das sich in einer leeren Fruchthöhle etwas entwickelt was dann als nicht intakt bezeichnet wird. Kein operativer Eingriff ohne meine 100%ige Überzeugung und mein FA gab mir diese Zeit.
Eine weitere Ultraschalluntersuchung wurde für gut 1 Woche später vereinbart und es wurde eine Woche voll Zerrissenheit zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Selbstmotivation (ich belog mich) und Trauer (denn im Grunde wusste ich es). Als die ersten Blutungen einsetzten gab es im KH Entwarnung und einen Sack voll Glück: Bewegungen waren sichtbar, allerdings nicht eindeutig dem Herzen zuzuordnen, es könnte auch das Flattern der Darmschlingen gewesen sein. Keine Ausschabung zu diesem Zeitpunkt. Ich war einfach nur happy und mein Mann und ich gönnten uns ein Festmahl. Es war ein Leichenschmaus.
Bereits 2 Tage später kam das Aus in Form von stärkeren Blutungen, hellrotes Blut. Meine Angst ließ mich klammern, ich wollte nicht loslassen und erst am Folgetag konnte ich auch die Schmerzen nicht mehr aushalten. Wir schafften es gerade so ins KH und als ich dort auf Toilette meinen Tampon entfernte ging unser Kind gleich mit. Ich verlor es - völlig unvorbereitet, fassungslos, geschockt. Ich wollte es auffangen, festhalten, aber es entglitt  mir und versank mit einem Plopp im Tiefspüler. Ich agierte irgendwie emotionslos, hatte aber begriffen das unser Kind gerade eben im Klo versunken war. Ich zog die Spülung ohne tschüß zu sagen. Der Rest wurde nach anschließender Untersuchung sofort ausgeschabt, in einer Not-OP, spät am Abend. Hinter mir wurde abgeschlossen, für das dortige Personal endlich Feierabend. Für mich und unseren Zottel war auch Feierabend.

Dieses Ereignis auf der Toilette verfolgt mich, ist wie ein Trauma. Missed abortion stand auf der Einweisung und 2 Ärzte hatten mir bestätigt, ich könne mit dem Eingriff noch warten. Niemand hatte mich darauf hingewiesen das ich es auf natürlichem Wege verlieren könne. Mag sein, das ich das hätte wissen müssen, aber ich hatte nicht damit gerechnet.

Die nächsten Tage hatte ich nicht gelebt. Das Kind hatte in dem Moment des Abgehens mein Herz mit heraus gerissen und ein tiefes einsames Loch in mir hinterlassen. Eine Leere, die mich nur noch rastlos umherirren ließ. Ich fand nirgends Ruhe oder Geborgenheit, es war nicht mehr meine Welt und mich schüttelten Heulkrämpfe, ich kannte mich selbst nicht wieder. Halt gab und gibt mir mein Mann. Reden konnte ich viele Tage nicht, aber er nahm mich immer fest in seine Arme. Ich schrieb mein eigenes kleines Buch und habe damit unser Kind zu Grabe getragen. Eine Lederkette, die mir in den 2 Wochen als Talisman diente, trage ich noch heute. Sie hat mir kein Glück gebracht aber sie lässt unseren Zottel immer bei mir sein. Auf die eine oder andere Art werde ich ihn immer bei mir tragen. Diese Kette hat nun einen festen Knoten und keinen lösbaren Verschluss mehr.

Mit der Zeit schwächen sich die Emotionen ab. Die Gedanken rotieren noch immer und auch die Schmerzen, die tiefe Trauer, der Verlust, die Leere und Angst vor dem Leben und der Welt, von der ich nicht weiß was sie mir sonst noch zu bieten hat, bleiben. All das ist ständig gegenwärtig, immer und überall gleich, aber es kommt nicht mehr so hoch. Mit ihr verblassen aber auch die Empfindungen, Gefühle und die starke Bindung, die mich in meiner Schwangerschaft begleitet haben. Ich will sie genauso wenig loslassen wie ich unser Kind gehen lassen musste. Das Leben ist nicht fair.

Wenn ich nach dem Sinn fragen würde - die Antwort liegt in der Zukunft, denn das Erlebte macht keinen Sinn.
Möge jeder seinen Weg finden um den Verlust seines(r) Kindes(r) zu verarbeiten. Möge jeder die Kraft finden, nicht daran zugrunde zu gehen.

Carolin

© Carolin


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