Erfahrungsbericht Diana
per E-Mail von Diana eingesandt am 18.02.2008Saskias Geschichte (Erfahrungsbericht Saskia)
Ich habe Eure Geschichten gelesen und wollte Euch nun einmal meine Geschichte erzählen. So richtig weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll.
Meine erste Schwangerschaft verlief eigentlich relativ normal. Zwar bekam ich ca. in der 34. Schwangerschaftswoche bereits Wehen, aber ich machte mir damals nicht wirklich Gedanken darüber. Ich sollte damals gleich stationär im Klinikum aufgenommen werden, doch das wollte ich nicht. Ich bekam Mittel zur Wehenhemmung und Lungenreife meines Babys und sollte mich schonen. Das tat ich auch und bekam so im März 2001 meinen Sohn.
Das Glück hielt nicht lange an, denn kurze Zeit später bemerkte der Kinderarzt bei der Vorsorgeuntersuchung, dass mein Sohn einen enorm großen Kopfumfang hat. Wir mussten in die Kinderklinik, wo eine Kernspinuntersuchung gemacht wurde. Die Ärztin sagte mir, dass er Flüssigkeitsansammlungen im Hirn hat und dass er operiert werden müsse. Er wurde operiert und entwickelt sich bis heute ganz normal, Gott sei Dank.
Bereits im Jahr 2004 dachten wir über ein zweites Kind nach. Wir wussten nur noch, wann der Zeitpunkt dafür sein sollte.
Im Frühjahr 2006 setzte ich die Pille ab und wir ließen alles auf uns zukommen.
Im Dezember 06 erfuhr ich dann, dass ich schwanger war. Der voraussichtliche Geburtstermin war der 21.08.2007. Wir freuten uns total, alle drei. Die Schwangerschaft verlief anfangs auch normal. Insgesamt war ich bei 6 Vorsorgeuntersuchungen. Da in der Frauenarztpraxis, eine Gemeinschaftspraxis mit 4 Ärzten, die Terminplanung eine einzige Katastrophe ist, wurde ich bei allen 4 Ärzten abwechselnd "durchgereicht". Ich war also ständig bei einem anderen Arzt bzw. Ärztin.
Im April 07 erfuhren wird dann, dass wir eine Tochter bekommen würden. Alles passte perfekt, einen Sohn hatten wir und nun kommt eine Tochter dazu. Besser konnte alles gar nicht zusammen passen. Wir freuten uns riesig. Nun konnte ich mich an die Vorbereitungen machen, Babysachen kaufen und Gedanken über den Namen machen. Wir einigten uns schnell auf den Namen Saskia.
Am 22.05.07 (27. SSW) hatte ich die nächste Vorsorgeuntersuchung.
Bereits 2 Wochen davor bemerkte ich, dass ich viele Wassereinlagerungen hatte, vor allem in den Händen, den Füßen und den Beinen sowie ein Ziehen, aber nicht im Bauch sondern eher in der Leistengegend.
Jedenfalls erzählte ich der Ärztin bei dieser Vorsorgeuntersuchung von den Wassereinlagerungen und auch von dem Ziehen. Ich sagte ihr, dass mir meine Hände und Füße wehtun und dass ich in der Arbeit manchmal kaum einen Stift halten könne und ab und zu auch nur schlecht laufen kann, vor allem am Morgen nach dem Aufstehen. Sie fragte mich daraufhin ob mir übel sei, was ich verneinte. Das war dann auch schon alles. Sie hat weder meine Füße und Hände angeschaut. Sie untersuchte mich kurz, sagte mir, dass alles in Ordnung sei und ich noch zur Blutentnahme und ein CTG geschrieben werden müsse. Ultraschall machte sie nicht. Das ist auch übrigens der einzige Vorwurf den ich dieser Ärztin bis heute und wahrscheinlich ewig mache. Sie hätte vielleicht doch etwas genauer schauen können. Das es doch so ein schreckliches Ende nehmen kann, steht völlig außer Frage. Man nahm mir Blut ab und schrieb ein CTG. Als ich damit fertig war, kam gerade ein anderer Arzt den Gang entlang. Diesem wurde kurz das CTG gezeigt, er machte so im Vorbeigehen sein Kürzel drauf. Das war’s dann. Kann man so im Vorbeigehen wirklich ordentlich ein CTG auswerten? Ich weiß es nicht.
Den nächsten Termin hatte ich dann in 4 Wochen.
Doch zu diesem Termin sollte es nicht mehr kommen. Ich freute mich, dass alles in Ordnung war und machte mir auch keine Gedanken weiter darüber. Das Ziehen ist also normal und die Wassereinlagerungen angeblich auch.
In der nächsten Woche hatten wir Urlaub. Wir wollten schon so langsam das Zimmer für unsere Tochter einrichten. Da unser Sohn in diesem Jahr in die Schule kam, haben wir erst, als wenn wir eine Vorahnung gehabt haben, die Einrichtung für unseren Sohn gekauft und richteten sein Zimmer komplett neu ein.
In der nächsten Woche ging ich wieder zur Arbeit.
In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch konnte ich kaum schlafen, da ich wieder so ein Ziehen, diesmal im Bauch, hatte.
Als ich dann am Morgen aufstand, war allerdings nichts mehr. Mir ging es gut. Manchmal habe ich so das Gefühl, dass gerade Frauenärztinnen oft denken, dass die Schwangeren übertreiben, nur weil sie vielleicht selbst Kinder bekommen haben.
Am Mittwochmorgen brachte ich meinen Sohn in den Kindergarten und ging gegen Mittag zur Arbeit. Ich hatte einiges zu tun, aber so kurz vor Dienstschluss dachte ich mir, dass ich meine Tochter doch jetzt schon länger nicht mehr gespürt habe. Ich drückte an meinem Bauch herum. Ich habe mir dann gedacht, dass meine Tochter vielleicht schlafen würde. Später dachte ich dann, sie wirklich gespürt zu haben. Doch ich glaube im Nachhinein habe ich mich da getäuscht.
Ich versuchte mich nicht verrückt zu machen und fuhr nach Hause. Mein Mann und mein Sohn warteten bereits auf mich, denn wir wollten Brotzeit machen. Während wir aßen, erzählte ich meinem Mann davon. Er schrie mich sofort an und fragte mich, warum ich nicht am Morgen zum Arzt gegangen bin. Ich sagte zu ihm: "Warum denn? Am Morgen war die Welt für mich noch in Ordnung." Er sagte: "Komm, wir fahren sofort ins Krankenhaus." Ich wollte erst nicht, rüttelte an meinem Bauch, legte mich auf den Rücken und horchte in meinen Körper hinein. Nichts tat sich.
Ich bekam Panik und sagte zu meinem Mann, dass wir ruhig fahren könnten, aber ich bereits wüsste, dass es zu spät sei.
Ich zog mich um und wir fuhren los. Am Klinikempfang sagten wir kurz, warum wir da waren. Daraufhin wurden wir auf die Entbindungsstation geschickt. Es wartete bereits eine Hebamme auf uns. Sie machte ein CTG bzw. wollte eines machen. Sie suchte die Herztöne. Es waren da auch Herztöne zu hören. Ich sagte schon erleichtert: "Gott sei Dank, das Herz schlägt." Darauf sagte sie mir, dass das mein Herz wäre und nicht das Herz meiner Tochter. Sie rüttelte an meinem Bauch, aber nichts tat sich. Anschließend wollte sie Ultraschall machen. Sie sagte dann, sie könne das Herz nicht darstellen.? Während die Hebamme den Arzt rief, sagte ich meinem Mann, dass ich glaube, dass das Ganze kein gutes Ende nehmen würde.
Dann kam der Arzt. Ich erzählte ihm von dem Ziehen in der Nacht und das ich derzeit so einen Druck nach unten spürte. Nun sagte er einen Satz, den ich nie wieder vergessen werde: "Mutter, und da kommst du erst jetzt." Im Nachhinein könnte man sagen: "Danke, ich bin doch Schuld." Er fragte mich dann, wo ich denn gewesen sei. Ich antwortete: "in der Arbeit". Ja, wo auch sonst. Ich glaube, er fand das alles sehr lustig, ein lockerer Spruch hier, ein lockerer Spruch da. Ich fand es allerdings langsam überhaupt nicht mehr lustig.
Er machte dann Ultraschall. Während dessen pustete er irgendwann in seine Wangen (kein gutes Zeichen) und sagte dann: "Jetzt haben wir den Supergau, das Baby ist tot." Supergau ist übrigens auch so ein Wort, was ich seitdem nicht mehr hören kann. Nun war es traurige Gewissheit, unsere Tochter war tot.
Ich sprang sofort auf und fing an zu weinen. Ich sagte ständig so blöde Sätze wie: "Das kann doch gar nicht sein. Es war doch noch alles in Ordnung. Sie hätte doch eine Chance gehabt."
Der Arzt, dem übrigens seine lockeren Sprüche plötzlich nicht mehr locker saßen, bot mir dann an, in der nahe der Klinik gelegenen Praxis, einen speziellen Ultraschall zu machen. Ich fragte mich, ehrlich gesagt, was das noch bringen sollte. Ich fragte ihn, wie denn so die Chancen stehen würden. Darauf sagte er, dass er mir zu 97% sagen könne, dass meine Tochter tot sei. Ich dachte mir dann: "Wozu dann eigentlich noch der Aufwand?" Und doch hält man an den 3%, eine sehr winzige Chance, fest und glaubt, dass alles vielleicht doch nur ein Irrtum war.
Also, wir gingen in die Praxis und es wurde nochmals Ultraschall gemacht. Der Arzt zeigte uns, dass kein Blutfluss mehr stattfand.
Nun war es schreckliche Gewissheit, unsere Tochter war tot, da gab es keinen Zweifel mehr. Der letzte Funken Hoffnung war nun auch dahin.
Es wurde uns dann der weitere Ablauf erklärt, z. B. das unsere Tochter normal zur Welt kommen könne usw. Ich konnte mich dann entscheiden, ob ich gleich in der Klinik bleiben möchte oder noch mal nach Hause zu gehen.
Ich entschied mich für Letzteres. Ich bekam 2 Tabletten mit, die ich jedoch nicht nehmen konnte, da man irgendwie doch noch glaubt, dass alles nur ein schrecklicher Traum ist. Man befindet sich in einem komischen Zustand, der schlecht zu beschreiben ist. Einerseits meint man gar nicht wirklich da zu sein, alles ist weit weg und doch ist es so realistisch.
Ich glaube, es war schon total spät als wir zu Hause ankamen. Unser Sohn war die ganze Zeit dabei und musste nun endlich ins Bett.
Anschließend rief ich meine Eltern und in der Arbeit an. Mein Mann und mein Sohn schliefen bereits. Ich konnte nicht schlafen, mir schossen tausend Gedanken durch den Kopf. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich in dieser Nacht am Rechner saß. Ich schaute im Internet nach den ganzen rechtlichen Sachen. Irgendwann ging ich dann auch zu Bett.
Am nächsten Morgen, ich hatte vielleicht 1 Stunde geschlafen, machten wir uns dann auf den Weg in die Klinik. Meine Nachbarin war auch gerade schwanger und bereits über dem errechneten Geburtstermin. Sie hing gerade im Garten Wäsche auf. Sie war freundlich, begrüßte mich, wie immer halt. Ich dachte mir: "Lass dir nur nichts anmerken." Sie durfte auf keinem Fall davon erfahren bis sie ihr Baby geboren hat. Sie dachte, dass wir verreisen würden. Ich ließ sie in dem Glauben.
Anschließend fuhren wir in die Klinik. Es wurde die Geburt eingeleitet. Allerdings tat sich wenig bis gar nichts. Die Zeit verging nicht. Wir gingen mit unserem Sohn spazieren. Während der ganzen Zeit des Wartens horcht man immer wieder in sich hinein. Man glaubt dabei wirklich manchmal: "Jetzt gerade hat sie aber getreten." Doch eigentlich sind das alles doch nur Illusionen.
Am Nachmittag wurde dann noch mal eingeleitet. Wieder warten. Es tat sich trotzdem nichts.
Am frühen Abend brachte mein Mann unseren Sohn zu meinem Bruder.
Als mein Mann zurückkam, sagte er immer: "Das Baby muss noch heute kommen. Es muss vorbei sein." Eigentlich wollte ich auch nur endlich meine Tochter haben.
Also entschlossen wir uns zu einem Kaiserschnitt. Uns wurde gesagt, dass wir davonlaufen würden und dass eine normale Geburt besser wäre. WARUM? Unsere Tochter ist so oder so tot. Das ändert doch nichts mehr daran. Ich kann jedenfalls sagen, dass ich den Kaiserschnitt bis heute -es ist jetzt 8 Monate her- nicht bereut habe. Ich wurde für die OP vorbereitet und bekam eine Spinalanästhesie, vor der ich ziemlich Schiss hatte. In diesem Moment denkt man einfach nichts. Ich würde meine Tochter gleich sehen und berühren können. Darauf freute ich mich. Ich wollte doch auch nur mein Kind, wie die anderen Mütter auch. Während man dann so auf dem OP-Tisch liegt, hat man schon solche Gedanken, wie "näh mich doch einfach gar nicht mehr zu, lass es bluten bis es irgendwann mal aufhört."
Gleich nach der OP bekam ich dann meine Saskia.
Für hatte sich die Frage nie gestellt, ob ich meine Tochter sehen will oder nicht. Ich weiß aber von anderen Betroffenen, dass das auch anders sein kann. Sie war so schön, ganz weiche Haut und viele dunkle Haare. Sie sah meinem Sohn sehr ähnlich. Ich konnte erst überhaupt nicht weinen. Warum, weiß ich nicht. Ich hatte meine Saskia im Arm gehalten bzw. auf meinem Oberkörper liegen, ich glaube, fast die ganze Nacht lang. Auf der einen Seite ist dies so ein schönes Gefühl, aber andererseits wird einem auch klar, dass dies nur die einzigen Stunden sein werden.
Irgendwann muss man seine Tochter dann für immer hergeben und wird sie nie wieder im Arm halten, berühren und riechen können. Spätestens wenn man daran denkt, muss man weinen. Man erinnert sich noch heute an die weiche Haut, die weichen Haare und auch an den Geruch. Ich hätte meine Saskia sehr gerne mit nach Hause genommen. Zu diesem Zeitpunkt habe ich leider nicht gewusst, dass man dies sogar wirklich machen kann. Nun ist es leider zu spät.
Wir fragten unseren Sohn bereits, bevor seine Schwester geboren wurde, ob er sie sehen möchte. Dies verneinte er. Wir wussten nicht, was in diesem Fall das Richtige sein würde.
Am Freitag in der Früh rief mich dann mein Sohn an und sagte mir, dass er seine Schwester doch sehen möchte.
Anschließend kam er dann in die Klinik und nahm seine Schwester in den Arm und streichelte sie.
Noch heute erzählt er mir, dass Saskia ganz weiche Haut und Haare hatte. Er sagte uns aber auch, dass er sich nun von ihr verabschiedet hätte und er sie nicht noch einmal sehen möchte. Dies akzeptierten wir. Ich hätte nur eigentlich noch gerne davon ein Foto gehabt. Haben wir leider verpasst. Auf jeden Fall haben wir instinktiv richtig entschieden, denn so war es für ihn greifbar. Er wusste, dass es seine Schwester wirklich gab und deshalb malt er sie z. B. auch heute noch auf jedes Bild als Engel.
Wir durften unsere Tochter bis zum Nachmittag behalten. Dann wurde sie weggebracht. Der Arzt sagte uns, dass wir sie uns noch mal bringen lassen können. Ich sollte nur Bescheid sagen.
Am Abend ging dann auch mein Mann nach Hause.
Unseren Sohn hatten wir bei meiner Freundin. Diese kam mich dann an diesem Abend besuchen. Sie war die Einzige, die sich traute, mich zu besuchen. Wir unterhielten uns lang und ich war echt froh, dass sie da war. Sie betreute die ganzen Tage unseren Sohn. Dafür bin ich ihr auch heute noch sehr dankbar. Man denkt erst, dass man die Nacht nicht überleben kann. Da ist meine Tochter irgendwo in der Klinik und ich muss in diesem Bett liegen. Es ist wirklich schwer sich ganz langsam von seinem Kind verabschieden zu müssen.
Am Samstag fragten wir dann die Schwester, ob sie uns Saskia noch einmal bringen könnte. Sie antwortete in einem sehr barschen Ton, dass sie erst den Arzt fragen müsse und wenn, dann höchstens für eine halbe Stunde. Im Nachhinein muss ich sagen, hat diese Schwester Glück gehabt, dass ich völlig neben mir stand, denn im Normalfall hätte sie die passende Antwort zurückbekommen. Daran kann man sehen, dass einige Menschen absolut keine Ahnung haben, was es bedeutet sein Kind zu verlieren. Okay, woher soll sie das auch wissen, aber ein anderer Ton wäre schon nett gewesen, auch wenn sie kein Verständnis dafür hatte.
Sie brachte uns dann unsere Tochter, aber wirklich nur für diese halbe Stunde. Ansonsten muss ich allerdings sagen, war das ganze Klinikpersonal sehr nett. Vor allem die Nachtschwester. Sie hat sich jeden Abend mit mir unterhalten.
Am Sonntag durfte ich dann nach Hause.
Bevor wir gingen, durften wir unsere Tochter noch ein letztes Mal sehen. Es war schrecklich. Ich wollte sie nicht in der Klinik lassen, ich wollte sie mitnehmen und konnte nicht. Man denkt wirklich, dass man sein Kind im Stich lässt. Warum muss uns das passieren? Das frage ich mich heute auch ab und zu noch.
Wir bekamen auch sehr viele Erinnerungsstücke von unserer Tochter. Die Hebamme machte Hand- und Fußabdruck, ein Geburtskärtchen und sogar eine Haarlocke haben wir von unserer Tochter. All dies habe ich eingerahmt. Das war wirklich total nett, denn alles was einem bleibt sind nur Erinnerungen. Die Vorstellung meine Tochter nun zurücklassen zu müssen, brachte mich fast um.
Als wir dann zu Hause ankamen, sagte mein Mann: "So, nun wird alles wieder normal." Ich dachte nur: "Du Depp, wie soll alles wieder normal werden?"
Ich sagte ihm dann, dass niemals alles wieder normal sein und schon gar nicht wie früher werden sein wird. Wir hatten noch so viele organisatorische Dinge zu klären.
Wir gingen zur Gemeinde und kauften eine Grabstätte.
Zwei Tage später hatten wir einen Termin beim Bestatter. Da kam ich mir vor, als würde ich ein Auto kaufen, aber nicht die Bestattung meiner Tochter vorbereiten.
In diesen Tagen bin ich herumgelaufen wie ferngesteuert. Man reagiert nur noch, als wenn man eine Liste hat, die man abarbeiten muss.
Für Freitag war die Bestattung geplant. Wir entschieden uns für eine Aufbahrung, da wir unseren Eltern, Verwandten und Freunden die Gelegenheit geben wollten unseren Engel zu sehen. Ich habe noch nie so sehr geweint, wie an diesem Tag. Niemand, der davon nicht selbst betroffen ist, kann sich vorstellen, wie es ist vor dem kleinen Grab zu stehen und in dieses Loch zu schauen und dann mit ansehen zu müssen, wie der kleine weiße Sarg heruntergelassen wird.
In den kommenden Tagen ging ich täglich an das Grab meiner Tochter, blieb dort zum Teil sehr lange Zeit und weinte. Dabei überkam mich jedes Mal das Gefühl, dass ich meine Tochter ja nur einfach wieder ausgraben müsse und hätte sie dann wieder.
In den kommenden Wochen traf ich mich oft mit Arbeitskollegen und meiner Freundin. Von meiner Arbeitskollegin, der vor 2 Jahren das Gleiche passierte, lieh ich mir das Buch von Hannah Lohtrop "Gute Hoffnung, jähes Ende". Ein sehr schönes Buch. Dies lass ich innerhalb von 2 Tagen. Nun fängt man an nach dem Grund zu suchen. Hat irgendjemand Schuld am Tod meiner Tochter?
Ich fing an Studien über Totgeburten zu lesen. Da ich selbst in einer Klinik arbeite, hatte ich natürlich medizinische Fachbücher zu Hause.
Erst nach Wochen bekam ich dann den Obduktionsbefund, jedoch nur einen Teil. Daraus ging hervor, dass meine Tochter kerngesund war. Es lag an meiner Plazenta. Man stellt sich immer wieder die gleichen Fragen: "Konnte man dies nicht bei einer Vorsorgeuntersuchung sehen? Bin ich selbst Schuld am Tod meiner Tochter? Habe ich zu spät bemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt? Wie lang war meine Tochter bereits tot? Musste sie leiden?"
Ende Juli hatte ich dann einen Termin zur Nachuntersuchung. Ich habe den Arzt gewechselt, und ging nun zu dem Arzt, der den Kaiserschnitt vorgenommen hatte. Er erklärte mir die Ursache. Auf meine Frage, ob man dies hätte nicht vorher sehen können, sagte er nur durch einen so genannten Farbdoppler, aber dies zahle die Kasse nicht. Ich fragte noch, ob die Wassereinlagerungen ein Anzeichen gewesen sein könnten. Dies verneinte er. Er hat sich nicht wirklich auf ein Gespräch eingelassen. Es kam mir vor, als wenn er sich dachte: "Hoffentlich fragt die nichts und geht gleich wieder." Diesem Wunsch kam ich dann auch nach. Ich hätte mir einfach gewünscht, dass ich etwas mehr fragen kann und man sich etwas mehr Zeit genommen hätte. Schade, dass man alles nicht mehr ändern kann, weiß ich selbst. Aber ist es nicht normal, dass eine Mutter genau wissen will, was passiert ist?
Mitte Oktober ging ich wieder zur Arbeit. Da ich absolut kein Kind mehr möchte, fing ich auch gleich an Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Dies wird insgesamt 4 Jahre beschäftigen.
Da mir jedoch diese Fragen keine Ruhe ließen, forderte ich alle Befunde der Obduktion an. Diese bekam ich dann auch umgehend zugesandt. Damit ging ich zu unserem ärztlichen Leiter und sprach mit ihm ausführlich darüber. Ihn konnte ich alles fragen und er verstand dies auch.
Ansonsten muss man einfach lernen damit zu leben. Wenn etwas Zeit vergangen ist, wird es leichter.
Ich gehe, wann immer es mir möglich ist, an das Grab meiner Tochter und schaue mir ab und zu das Fotoalbum an, was ich angefertigt habe. Es verändert sich Vieles. Ich habe z. B. weniger Angst vor dem eigenen Tod und es wird einem vor Augen geführt, wie kurz doch ein Leben sein kann. Auch in einer Partnerschaft ist das nicht immer ganz leicht. Ob das noch ein gutes Ende nimmt, weiß ich nicht. Niemand, der nicht selbst betroffen ist, kann sich in diese Situation versetzten und das ist auch irgendwo gut so.
Meine erste Schwangerschaft verlief eigentlich relativ normal. Zwar bekam ich ca. in der 34. Schwangerschaftswoche bereits Wehen, aber ich machte mir damals nicht wirklich Gedanken darüber. Ich sollte damals gleich stationär im Klinikum aufgenommen werden, doch das wollte ich nicht. Ich bekam Mittel zur Wehenhemmung und Lungenreife meines Babys und sollte mich schonen. Das tat ich auch und bekam so im März 2001 meinen Sohn.
Das Glück hielt nicht lange an, denn kurze Zeit später bemerkte der Kinderarzt bei der Vorsorgeuntersuchung, dass mein Sohn einen enorm großen Kopfumfang hat. Wir mussten in die Kinderklinik, wo eine Kernspinuntersuchung gemacht wurde. Die Ärztin sagte mir, dass er Flüssigkeitsansammlungen im Hirn hat und dass er operiert werden müsse. Er wurde operiert und entwickelt sich bis heute ganz normal, Gott sei Dank.
Bereits im Jahr 2004 dachten wir über ein zweites Kind nach. Wir wussten nur noch, wann der Zeitpunkt dafür sein sollte.
Im Frühjahr 2006 setzte ich die Pille ab und wir ließen alles auf uns zukommen.
Im Dezember 06 erfuhr ich dann, dass ich schwanger war. Der voraussichtliche Geburtstermin war der 21.08.2007. Wir freuten uns total, alle drei. Die Schwangerschaft verlief anfangs auch normal. Insgesamt war ich bei 6 Vorsorgeuntersuchungen. Da in der Frauenarztpraxis, eine Gemeinschaftspraxis mit 4 Ärzten, die Terminplanung eine einzige Katastrophe ist, wurde ich bei allen 4 Ärzten abwechselnd "durchgereicht". Ich war also ständig bei einem anderen Arzt bzw. Ärztin.
Im April 07 erfuhren wird dann, dass wir eine Tochter bekommen würden. Alles passte perfekt, einen Sohn hatten wir und nun kommt eine Tochter dazu. Besser konnte alles gar nicht zusammen passen. Wir freuten uns riesig. Nun konnte ich mich an die Vorbereitungen machen, Babysachen kaufen und Gedanken über den Namen machen. Wir einigten uns schnell auf den Namen Saskia.
Am 22.05.07 (27. SSW) hatte ich die nächste Vorsorgeuntersuchung.
Bereits 2 Wochen davor bemerkte ich, dass ich viele Wassereinlagerungen hatte, vor allem in den Händen, den Füßen und den Beinen sowie ein Ziehen, aber nicht im Bauch sondern eher in der Leistengegend.
Jedenfalls erzählte ich der Ärztin bei dieser Vorsorgeuntersuchung von den Wassereinlagerungen und auch von dem Ziehen. Ich sagte ihr, dass mir meine Hände und Füße wehtun und dass ich in der Arbeit manchmal kaum einen Stift halten könne und ab und zu auch nur schlecht laufen kann, vor allem am Morgen nach dem Aufstehen. Sie fragte mich daraufhin ob mir übel sei, was ich verneinte. Das war dann auch schon alles. Sie hat weder meine Füße und Hände angeschaut. Sie untersuchte mich kurz, sagte mir, dass alles in Ordnung sei und ich noch zur Blutentnahme und ein CTG geschrieben werden müsse. Ultraschall machte sie nicht. Das ist auch übrigens der einzige Vorwurf den ich dieser Ärztin bis heute und wahrscheinlich ewig mache. Sie hätte vielleicht doch etwas genauer schauen können. Das es doch so ein schreckliches Ende nehmen kann, steht völlig außer Frage. Man nahm mir Blut ab und schrieb ein CTG. Als ich damit fertig war, kam gerade ein anderer Arzt den Gang entlang. Diesem wurde kurz das CTG gezeigt, er machte so im Vorbeigehen sein Kürzel drauf. Das war’s dann. Kann man so im Vorbeigehen wirklich ordentlich ein CTG auswerten? Ich weiß es nicht.
Den nächsten Termin hatte ich dann in 4 Wochen.
Doch zu diesem Termin sollte es nicht mehr kommen. Ich freute mich, dass alles in Ordnung war und machte mir auch keine Gedanken weiter darüber. Das Ziehen ist also normal und die Wassereinlagerungen angeblich auch.
In der nächsten Woche hatten wir Urlaub. Wir wollten schon so langsam das Zimmer für unsere Tochter einrichten. Da unser Sohn in diesem Jahr in die Schule kam, haben wir erst, als wenn wir eine Vorahnung gehabt haben, die Einrichtung für unseren Sohn gekauft und richteten sein Zimmer komplett neu ein.
In der nächsten Woche ging ich wieder zur Arbeit.
In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch konnte ich kaum schlafen, da ich wieder so ein Ziehen, diesmal im Bauch, hatte.
Als ich dann am Morgen aufstand, war allerdings nichts mehr. Mir ging es gut. Manchmal habe ich so das Gefühl, dass gerade Frauenärztinnen oft denken, dass die Schwangeren übertreiben, nur weil sie vielleicht selbst Kinder bekommen haben.
Am Mittwochmorgen brachte ich meinen Sohn in den Kindergarten und ging gegen Mittag zur Arbeit. Ich hatte einiges zu tun, aber so kurz vor Dienstschluss dachte ich mir, dass ich meine Tochter doch jetzt schon länger nicht mehr gespürt habe. Ich drückte an meinem Bauch herum. Ich habe mir dann gedacht, dass meine Tochter vielleicht schlafen würde. Später dachte ich dann, sie wirklich gespürt zu haben. Doch ich glaube im Nachhinein habe ich mich da getäuscht.
Ich versuchte mich nicht verrückt zu machen und fuhr nach Hause. Mein Mann und mein Sohn warteten bereits auf mich, denn wir wollten Brotzeit machen. Während wir aßen, erzählte ich meinem Mann davon. Er schrie mich sofort an und fragte mich, warum ich nicht am Morgen zum Arzt gegangen bin. Ich sagte zu ihm: "Warum denn? Am Morgen war die Welt für mich noch in Ordnung." Er sagte: "Komm, wir fahren sofort ins Krankenhaus." Ich wollte erst nicht, rüttelte an meinem Bauch, legte mich auf den Rücken und horchte in meinen Körper hinein. Nichts tat sich.
Ich bekam Panik und sagte zu meinem Mann, dass wir ruhig fahren könnten, aber ich bereits wüsste, dass es zu spät sei.
Ich zog mich um und wir fuhren los. Am Klinikempfang sagten wir kurz, warum wir da waren. Daraufhin wurden wir auf die Entbindungsstation geschickt. Es wartete bereits eine Hebamme auf uns. Sie machte ein CTG bzw. wollte eines machen. Sie suchte die Herztöne. Es waren da auch Herztöne zu hören. Ich sagte schon erleichtert: "Gott sei Dank, das Herz schlägt." Darauf sagte sie mir, dass das mein Herz wäre und nicht das Herz meiner Tochter. Sie rüttelte an meinem Bauch, aber nichts tat sich. Anschließend wollte sie Ultraschall machen. Sie sagte dann, sie könne das Herz nicht darstellen.? Während die Hebamme den Arzt rief, sagte ich meinem Mann, dass ich glaube, dass das Ganze kein gutes Ende nehmen würde.
Dann kam der Arzt. Ich erzählte ihm von dem Ziehen in der Nacht und das ich derzeit so einen Druck nach unten spürte. Nun sagte er einen Satz, den ich nie wieder vergessen werde: "Mutter, und da kommst du erst jetzt." Im Nachhinein könnte man sagen: "Danke, ich bin doch Schuld." Er fragte mich dann, wo ich denn gewesen sei. Ich antwortete: "in der Arbeit". Ja, wo auch sonst. Ich glaube, er fand das alles sehr lustig, ein lockerer Spruch hier, ein lockerer Spruch da. Ich fand es allerdings langsam überhaupt nicht mehr lustig.
Er machte dann Ultraschall. Während dessen pustete er irgendwann in seine Wangen (kein gutes Zeichen) und sagte dann: "Jetzt haben wir den Supergau, das Baby ist tot." Supergau ist übrigens auch so ein Wort, was ich seitdem nicht mehr hören kann. Nun war es traurige Gewissheit, unsere Tochter war tot.
Ich sprang sofort auf und fing an zu weinen. Ich sagte ständig so blöde Sätze wie: "Das kann doch gar nicht sein. Es war doch noch alles in Ordnung. Sie hätte doch eine Chance gehabt."
Der Arzt, dem übrigens seine lockeren Sprüche plötzlich nicht mehr locker saßen, bot mir dann an, in der nahe der Klinik gelegenen Praxis, einen speziellen Ultraschall zu machen. Ich fragte mich, ehrlich gesagt, was das noch bringen sollte. Ich fragte ihn, wie denn so die Chancen stehen würden. Darauf sagte er, dass er mir zu 97% sagen könne, dass meine Tochter tot sei. Ich dachte mir dann: "Wozu dann eigentlich noch der Aufwand?" Und doch hält man an den 3%, eine sehr winzige Chance, fest und glaubt, dass alles vielleicht doch nur ein Irrtum war.
Also, wir gingen in die Praxis und es wurde nochmals Ultraschall gemacht. Der Arzt zeigte uns, dass kein Blutfluss mehr stattfand.
Nun war es schreckliche Gewissheit, unsere Tochter war tot, da gab es keinen Zweifel mehr. Der letzte Funken Hoffnung war nun auch dahin.
Es wurde uns dann der weitere Ablauf erklärt, z. B. das unsere Tochter normal zur Welt kommen könne usw. Ich konnte mich dann entscheiden, ob ich gleich in der Klinik bleiben möchte oder noch mal nach Hause zu gehen.
Ich entschied mich für Letzteres. Ich bekam 2 Tabletten mit, die ich jedoch nicht nehmen konnte, da man irgendwie doch noch glaubt, dass alles nur ein schrecklicher Traum ist. Man befindet sich in einem komischen Zustand, der schlecht zu beschreiben ist. Einerseits meint man gar nicht wirklich da zu sein, alles ist weit weg und doch ist es so realistisch.
Ich glaube, es war schon total spät als wir zu Hause ankamen. Unser Sohn war die ganze Zeit dabei und musste nun endlich ins Bett.
Anschließend rief ich meine Eltern und in der Arbeit an. Mein Mann und mein Sohn schliefen bereits. Ich konnte nicht schlafen, mir schossen tausend Gedanken durch den Kopf. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich in dieser Nacht am Rechner saß. Ich schaute im Internet nach den ganzen rechtlichen Sachen. Irgendwann ging ich dann auch zu Bett.
Am nächsten Morgen, ich hatte vielleicht 1 Stunde geschlafen, machten wir uns dann auf den Weg in die Klinik. Meine Nachbarin war auch gerade schwanger und bereits über dem errechneten Geburtstermin. Sie hing gerade im Garten Wäsche auf. Sie war freundlich, begrüßte mich, wie immer halt. Ich dachte mir: "Lass dir nur nichts anmerken." Sie durfte auf keinem Fall davon erfahren bis sie ihr Baby geboren hat. Sie dachte, dass wir verreisen würden. Ich ließ sie in dem Glauben.
Anschließend fuhren wir in die Klinik. Es wurde die Geburt eingeleitet. Allerdings tat sich wenig bis gar nichts. Die Zeit verging nicht. Wir gingen mit unserem Sohn spazieren. Während der ganzen Zeit des Wartens horcht man immer wieder in sich hinein. Man glaubt dabei wirklich manchmal: "Jetzt gerade hat sie aber getreten." Doch eigentlich sind das alles doch nur Illusionen.
Am Nachmittag wurde dann noch mal eingeleitet. Wieder warten. Es tat sich trotzdem nichts.
Am frühen Abend brachte mein Mann unseren Sohn zu meinem Bruder.
Als mein Mann zurückkam, sagte er immer: "Das Baby muss noch heute kommen. Es muss vorbei sein." Eigentlich wollte ich auch nur endlich meine Tochter haben.
Also entschlossen wir uns zu einem Kaiserschnitt. Uns wurde gesagt, dass wir davonlaufen würden und dass eine normale Geburt besser wäre. WARUM? Unsere Tochter ist so oder so tot. Das ändert doch nichts mehr daran. Ich kann jedenfalls sagen, dass ich den Kaiserschnitt bis heute -es ist jetzt 8 Monate her- nicht bereut habe. Ich wurde für die OP vorbereitet und bekam eine Spinalanästhesie, vor der ich ziemlich Schiss hatte. In diesem Moment denkt man einfach nichts. Ich würde meine Tochter gleich sehen und berühren können. Darauf freute ich mich. Ich wollte doch auch nur mein Kind, wie die anderen Mütter auch. Während man dann so auf dem OP-Tisch liegt, hat man schon solche Gedanken, wie "näh mich doch einfach gar nicht mehr zu, lass es bluten bis es irgendwann mal aufhört."
Gleich nach der OP bekam ich dann meine Saskia.
Für hatte sich die Frage nie gestellt, ob ich meine Tochter sehen will oder nicht. Ich weiß aber von anderen Betroffenen, dass das auch anders sein kann. Sie war so schön, ganz weiche Haut und viele dunkle Haare. Sie sah meinem Sohn sehr ähnlich. Ich konnte erst überhaupt nicht weinen. Warum, weiß ich nicht. Ich hatte meine Saskia im Arm gehalten bzw. auf meinem Oberkörper liegen, ich glaube, fast die ganze Nacht lang. Auf der einen Seite ist dies so ein schönes Gefühl, aber andererseits wird einem auch klar, dass dies nur die einzigen Stunden sein werden.
Irgendwann muss man seine Tochter dann für immer hergeben und wird sie nie wieder im Arm halten, berühren und riechen können. Spätestens wenn man daran denkt, muss man weinen. Man erinnert sich noch heute an die weiche Haut, die weichen Haare und auch an den Geruch. Ich hätte meine Saskia sehr gerne mit nach Hause genommen. Zu diesem Zeitpunkt habe ich leider nicht gewusst, dass man dies sogar wirklich machen kann. Nun ist es leider zu spät.
Wir fragten unseren Sohn bereits, bevor seine Schwester geboren wurde, ob er sie sehen möchte. Dies verneinte er. Wir wussten nicht, was in diesem Fall das Richtige sein würde.
Am Freitag in der Früh rief mich dann mein Sohn an und sagte mir, dass er seine Schwester doch sehen möchte.
Anschließend kam er dann in die Klinik und nahm seine Schwester in den Arm und streichelte sie.
Noch heute erzählt er mir, dass Saskia ganz weiche Haut und Haare hatte. Er sagte uns aber auch, dass er sich nun von ihr verabschiedet hätte und er sie nicht noch einmal sehen möchte. Dies akzeptierten wir. Ich hätte nur eigentlich noch gerne davon ein Foto gehabt. Haben wir leider verpasst. Auf jeden Fall haben wir instinktiv richtig entschieden, denn so war es für ihn greifbar. Er wusste, dass es seine Schwester wirklich gab und deshalb malt er sie z. B. auch heute noch auf jedes Bild als Engel.
Wir durften unsere Tochter bis zum Nachmittag behalten. Dann wurde sie weggebracht. Der Arzt sagte uns, dass wir sie uns noch mal bringen lassen können. Ich sollte nur Bescheid sagen.
Am Abend ging dann auch mein Mann nach Hause.
Unseren Sohn hatten wir bei meiner Freundin. Diese kam mich dann an diesem Abend besuchen. Sie war die Einzige, die sich traute, mich zu besuchen. Wir unterhielten uns lang und ich war echt froh, dass sie da war. Sie betreute die ganzen Tage unseren Sohn. Dafür bin ich ihr auch heute noch sehr dankbar. Man denkt erst, dass man die Nacht nicht überleben kann. Da ist meine Tochter irgendwo in der Klinik und ich muss in diesem Bett liegen. Es ist wirklich schwer sich ganz langsam von seinem Kind verabschieden zu müssen.
Am Samstag fragten wir dann die Schwester, ob sie uns Saskia noch einmal bringen könnte. Sie antwortete in einem sehr barschen Ton, dass sie erst den Arzt fragen müsse und wenn, dann höchstens für eine halbe Stunde. Im Nachhinein muss ich sagen, hat diese Schwester Glück gehabt, dass ich völlig neben mir stand, denn im Normalfall hätte sie die passende Antwort zurückbekommen. Daran kann man sehen, dass einige Menschen absolut keine Ahnung haben, was es bedeutet sein Kind zu verlieren. Okay, woher soll sie das auch wissen, aber ein anderer Ton wäre schon nett gewesen, auch wenn sie kein Verständnis dafür hatte.
Sie brachte uns dann unsere Tochter, aber wirklich nur für diese halbe Stunde. Ansonsten muss ich allerdings sagen, war das ganze Klinikpersonal sehr nett. Vor allem die Nachtschwester. Sie hat sich jeden Abend mit mir unterhalten.
Am Sonntag durfte ich dann nach Hause.
Bevor wir gingen, durften wir unsere Tochter noch ein letztes Mal sehen. Es war schrecklich. Ich wollte sie nicht in der Klinik lassen, ich wollte sie mitnehmen und konnte nicht. Man denkt wirklich, dass man sein Kind im Stich lässt. Warum muss uns das passieren? Das frage ich mich heute auch ab und zu noch.
Wir bekamen auch sehr viele Erinnerungsstücke von unserer Tochter. Die Hebamme machte Hand- und Fußabdruck, ein Geburtskärtchen und sogar eine Haarlocke haben wir von unserer Tochter. All dies habe ich eingerahmt. Das war wirklich total nett, denn alles was einem bleibt sind nur Erinnerungen. Die Vorstellung meine Tochter nun zurücklassen zu müssen, brachte mich fast um.
Als wir dann zu Hause ankamen, sagte mein Mann: "So, nun wird alles wieder normal." Ich dachte nur: "Du Depp, wie soll alles wieder normal werden?"
Ich sagte ihm dann, dass niemals alles wieder normal sein und schon gar nicht wie früher werden sein wird. Wir hatten noch so viele organisatorische Dinge zu klären.
Wir gingen zur Gemeinde und kauften eine Grabstätte.
Zwei Tage später hatten wir einen Termin beim Bestatter. Da kam ich mir vor, als würde ich ein Auto kaufen, aber nicht die Bestattung meiner Tochter vorbereiten.
In diesen Tagen bin ich herumgelaufen wie ferngesteuert. Man reagiert nur noch, als wenn man eine Liste hat, die man abarbeiten muss.
Für Freitag war die Bestattung geplant. Wir entschieden uns für eine Aufbahrung, da wir unseren Eltern, Verwandten und Freunden die Gelegenheit geben wollten unseren Engel zu sehen. Ich habe noch nie so sehr geweint, wie an diesem Tag. Niemand, der davon nicht selbst betroffen ist, kann sich vorstellen, wie es ist vor dem kleinen Grab zu stehen und in dieses Loch zu schauen und dann mit ansehen zu müssen, wie der kleine weiße Sarg heruntergelassen wird.
In den kommenden Tagen ging ich täglich an das Grab meiner Tochter, blieb dort zum Teil sehr lange Zeit und weinte. Dabei überkam mich jedes Mal das Gefühl, dass ich meine Tochter ja nur einfach wieder ausgraben müsse und hätte sie dann wieder.
In den kommenden Wochen traf ich mich oft mit Arbeitskollegen und meiner Freundin. Von meiner Arbeitskollegin, der vor 2 Jahren das Gleiche passierte, lieh ich mir das Buch von Hannah Lohtrop "Gute Hoffnung, jähes Ende". Ein sehr schönes Buch. Dies lass ich innerhalb von 2 Tagen. Nun fängt man an nach dem Grund zu suchen. Hat irgendjemand Schuld am Tod meiner Tochter?
Ich fing an Studien über Totgeburten zu lesen. Da ich selbst in einer Klinik arbeite, hatte ich natürlich medizinische Fachbücher zu Hause.
Erst nach Wochen bekam ich dann den Obduktionsbefund, jedoch nur einen Teil. Daraus ging hervor, dass meine Tochter kerngesund war. Es lag an meiner Plazenta. Man stellt sich immer wieder die gleichen Fragen: "Konnte man dies nicht bei einer Vorsorgeuntersuchung sehen? Bin ich selbst Schuld am Tod meiner Tochter? Habe ich zu spät bemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt? Wie lang war meine Tochter bereits tot? Musste sie leiden?"
Ende Juli hatte ich dann einen Termin zur Nachuntersuchung. Ich habe den Arzt gewechselt, und ging nun zu dem Arzt, der den Kaiserschnitt vorgenommen hatte. Er erklärte mir die Ursache. Auf meine Frage, ob man dies hätte nicht vorher sehen können, sagte er nur durch einen so genannten Farbdoppler, aber dies zahle die Kasse nicht. Ich fragte noch, ob die Wassereinlagerungen ein Anzeichen gewesen sein könnten. Dies verneinte er. Er hat sich nicht wirklich auf ein Gespräch eingelassen. Es kam mir vor, als wenn er sich dachte: "Hoffentlich fragt die nichts und geht gleich wieder." Diesem Wunsch kam ich dann auch nach. Ich hätte mir einfach gewünscht, dass ich etwas mehr fragen kann und man sich etwas mehr Zeit genommen hätte. Schade, dass man alles nicht mehr ändern kann, weiß ich selbst. Aber ist es nicht normal, dass eine Mutter genau wissen will, was passiert ist?
Mitte Oktober ging ich wieder zur Arbeit. Da ich absolut kein Kind mehr möchte, fing ich auch gleich an Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Dies wird insgesamt 4 Jahre beschäftigen.
Da mir jedoch diese Fragen keine Ruhe ließen, forderte ich alle Befunde der Obduktion an. Diese bekam ich dann auch umgehend zugesandt. Damit ging ich zu unserem ärztlichen Leiter und sprach mit ihm ausführlich darüber. Ihn konnte ich alles fragen und er verstand dies auch.
Ansonsten muss man einfach lernen damit zu leben. Wenn etwas Zeit vergangen ist, wird es leichter.
Ich gehe, wann immer es mir möglich ist, an das Grab meiner Tochter und schaue mir ab und zu das Fotoalbum an, was ich angefertigt habe. Es verändert sich Vieles. Ich habe z. B. weniger Angst vor dem eigenen Tod und es wird einem vor Augen geführt, wie kurz doch ein Leben sein kann. Auch in einer Partnerschaft ist das nicht immer ganz leicht. Ob das noch ein gutes Ende nimmt, weiß ich nicht. Niemand, der nicht selbst betroffen ist, kann sich in diese Situation versetzten und das ist auch irgendwo gut so.
© Diana
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letzte Aktualisierung dieser Seite: 2009-11-24, 18:24 Uhr
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