Erfahrungsbericht Nadja

per E-Mail von Nadja eingesandt am 07.08.2005

Erfahrungsbericht (12. SSW)

Nachdem ich nun die Erfahrungsberichte gelesen habe und ueber Nacht darueber nachgedacht habe , werde ich nun mal meine Geschichte aufschreiben. Auch ich musste mein Kind in der 12. Woche hergeben.
Ich moechte euch diese Geschichte von Anfang an erzaehlen.

Mein Schatz und ich sind noch nicht sehr lange zusammen aber wir wuenschten uns ein Kind.Nach 2 Uebungszyklen hielt ich den positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Ich war sehr ueberrascht da ich so schnell nicht damit gerechnet hab.Ich werde diesen Moment nicht vergessen.Wir waren so gluecklich.Stillschweigend sassen wir da.Ja wir werden Eltern werden.

Da ich erst eine Woche nach ausbleiben der Regel getestet habe,muesste ich nun in der 6. Woche sein.Dieser Tag war ein Freitag und Montags bin ich auch gleich zu meinem Frauenarzt gegangen.Voll Freude, voll Glueck. Zuerst wurde auch dort nochmals einen Test gemacht und dieser war gleich positiv. Danach gings in den Untersuchungsraum. Die Aerztin meinte trocken: Ich kann ihnen die Schwangerschaft leider noch nicht bestaetigen es ist noch nichts zu sehen.Keine Frucht. Einfach nichts. Ich konnte es nicht verstehen ich war doch schwanger und wenigstens die Fruchtblase musste man sehen koennen. Sie bestellte mich in 2 Wochen wieder her und sagte dieses Mal musste man dann das Herzchen sehen koennen.
Ich weiss nicht wie ich diese 2 Wochen rumgekriegt habe. Wir haben gebetet, Gott moege doch das Herzchen schlagen lassen. Eigentlich waren wir guter Hoffnung denn man hoert ja oft, dass man das Herzchen erst in der 8. Woche sehen kann.

Als ich dann wieder im Wartezimmer sass, waren noch 2 weitere schwangere Frauen drin.Ein Gefuehl von Traurigkeit uebermannte mich.Innerlich wusste ich dass es bei mir nie soweit kommen wird. Warum konnte ich nicht einfach gluecklich sein???? Ich hatte doch das was ich wollte. Ich war doch schwanger!
Im Untersuchungsraum bekam ich dann die freudige Nachricht. Das Herzchen schlug. Mir kam eine Traene als ich das flackernde Herzchen am Monitor sah.Sollte doch alles gut werden? Ich bat um ein Ultraschallbildchen. Nichts da. Ich bekam keines. In der 20. Woche reicht das noch meinte die Aerztin. Da sieht man dann auch was. Wenn es so weit kommt. Sie muessen wissen, die Zahl der Fehlgeburten ist sehr hoch!
Dazu noch: Nadja ,Sie sind noch nicht in der achten Woche wie angenommen. Die Befruchtung musste spaeter stattgefunden haben. So kam sie auf einen Zeitpunkt bei dem eine Befruchtung nicht moeglich gewesen waer, da mein Freund zu dieser Zeit geschaeftlich weg war. Ich bekam meinen Mutterpass und versuchte die Gedanken zu verdraengen und fing an mich zu freuen. In 4 Wochen sollte ich wieder kommen .
Ich spuerte, dass etwas nicht stimmt aber ich versuchte mir einzureden ,dass alles gut ist und schaute mich bereits nach Babysachen um. Ich weiss nicht, kann man als Mutter dieses Gefuehl haben dass etwas nicht stimmt obwohl alles gut scheint?

Ich habe in der Zeit sehr viel mit meiner Familie und meinem Freund ueber meine Aengste geredet und alle sagten nur ich wuerde mir das ganze einreden da Fehlgeburten so selten seien. Ich fand einfach kein Verstaendnis. Vielleicht redete ich mir das ganze wirklich ein? Ich wusste keine Antwort auf meine Fragen.
Probleme hatte ich nicht. Mir war nie schlecht. Nur das Mensartige ziehen in der Leistengegend war immer da. Dehnen der Mutterbaender. Also auch alles normal.
Jobmaessig war es bei mir allerdings sehr stressig. Ich arbeitete im Kindergarten und bei uns im Team herrschte Mobbing. Als ich sagte, dass ich schwanger bin (ich hab es gleich gesagt, da ich die Kinder nicht mehr tragen wollte, dieses Risiko wollte ich nicht eingehen) wurde alles noch schlimmer. Ich musste viel mehr machen als zuvor und wurde staendig angeschrieen Es war sehr schwer , das durchzustehen und ich war oft am Ende meiner Kraefte. Jedoch sagte ich mir immer dass ich weiss fuer wen ich das tue. Dass ich das ganze durchziehen werde. Doch psychisch ging es mir sehr schlecht. Ich hatte Bauchweh vor der Arbeit, Angst. Abends als ich heimkam legte ich mich sofort schlafen.
Dazu kam noch richtiger Ausfluss.Mein ganzer Slip war nass und ich bin sofort zur Aerztin. Es koennte ja eine Infektion sein. Auch bekam ich Schmerzen. Ein bis Zweimal am Tag wurde mein Bauch hart und mir wurde schwarz vor Augen. Ich tat es als Mutterbaenderdehnung weg.
 Bei der Aerztin angekommen wurde untersucht und Ultraschall gemacht. Das Kind zappelte und ich konnte schon die Arme und Beinchen sehen. Mein Baby. So vollkommen!!
Unbedingt wollte ich ein Bild davon haben. Hab regelrecht gebettelt und haette es natuerlich auch selbst bezahlt.Ich wollte nur ein einziges Bild von meinem Kind.Ich bekam keines. Auch erzaehlte ich der Aerztin wie schlecht es mir koerperlich und seelisch geht und dass ich nimmer kann.Alles was sie sagte war: Wegen dem kann ich sie nicht krankschreiben.
Nach diesem Arztbesuch, beschlossen mein Freund und ich nur noch an uns zu denken.Ich wuerde meine Arbeit aufgeben. Wir wollten mir und dem Kind den seelischen Stress ersparen.

So kamen die Tage an denen ich nicht mehr zur Arbeit ging. Ich freute mich tierisch auf das Baby ( das komische Gefuehl ging aber nie weg, ich versucte es immer wieder zu verdraengen). Mein Bauch wurde dicker und mein Freund schenkte mir Umstandshosen. Ich war stolz .

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Zusammen ueberlegten wir uns Namen. Wenn es ein Maedchen sein sollte wollten wir sie Salomé nennen. Mein Freund ist Franzose und wir wollten deshalb auch einen franzoesischen Namen.
Die Zeit war sehr schoen und ich bin dankbar fuer diese Zeit mit meinem Baby. Diese Zeit in der mein Baby bei mir sein durfte. Auch wenn sie nur sehr kurz war.

Dann kam der eine Tag den ich nie vergessen werde. An diesem Tag war die Beerdigung des Papstes. Ich lag im Bett und schaute mir die Beerdigung an.
Auf einmal spuerte ich ein Stechen im Unterleib. Als wuerde man mit dem Messer reinstechen. Ich traute mich nicht zu atmen. Der Schmerz war zu stark.
Ab diesem Moment gingen die Anzeichen weg. Das ziehen im Bauch hatte aufgehoert, meine Brueste schmerzten nicht mehr. Ich fuehlte mich einfach unschwanger.Lediglich mein bereits dicker Bauch lies mich wissen, dass ich schwanger bin.
Ich bin darauf zu meiner Mutter und erzaehlte ihr weinend meine Vermutungen. Diese lachte nur und meinte das sei normal, dass man nicht immer Anzeichen spuert.
Ich war so verzweifelt und wartete auf irgendein Anzeichen. Ich hoffte es moege irgendwo ziepen oder meine Brust wuerde wieder weh tun. Nichts.

Ich versuchte eine Nacht abzuwarten.Morgens gingen wir einkaufen, haben Babysachen geschaut .Ich ertrug den Druck in mir nicht mehr.Ich musste mit der Sprache rausruecken.
Also sagte ich zu meinem Freund :Ich moechte, dass du jetzt sofort mit mir ins Krankenhaus faehrst. Ich spuere, dass etwas nicht so ist wie es sein soll.
Mein Freund sagte nichts mehr und wir fuhren ins Krankenhaus. Ich erinnere mich noch wie ich weinend im Auto sass. Zitternd und weinend . Ich war mir so sicher.
Dann kam der Moment als ich aufgerufen wurde. Mein Freund wartete im Wartezimmer.Ich schilderte der Aerztin, die uebrigens sehr sehr lieb war, alles.
Diese meinte dann, dass wir nachsehen werden und dass es oefter mal vorkommt dass eine Frau Angst hat, diese aber oft unbegruendet war.
Es wurde Ultraschall gemacht. Wie gebannt starrte ich auf den Monitor. Das Baby war gewachsen, ich konnte bereits sein Profil sehen aber: Kein Herzchen das flackerte. Die Mimik der Aerztin verfinsterte sich und sie fragte mich ob meine Frauenaerztin Herzschlag sehen konnte. Ja das konnte sie.
Ich war wie versteinert. Wie in Trance. Die Aerztin versuchte das Baby anzustupsen,Holte ein anderes Ultraschallgeraet. Die Zeit kam unendlich lang vor bis sie schliesslich sagte: Tut mir leid Frau R. Ich glaube das Baby ist tot. Sie holte dann noch einen anderen Arzt dazu der sich das ganze nochmals ansehen sollte. Meine Befuerchtungen haben sich bestaetigt. Mein Baby war tot. Das Herzchen hatte einfach aufgehoert zu schlagen. Wie in Trance sass ich im Besprechungszimmer.Mein Freund daneben. Wir waren beide sprachlos.Ich konnte nicht mal weinen.Die Aerztin jedoch hatte Traenen in den Augen. Sie erzaehlte uns, dass sie selbst ihr Baby verloren hat und sie weiss wie weh das tut.
Sie empfahl mir eine Ausschabung. In der 12. Woche ist das Risiko zu gross um einfach abzuwarten. Auch ich wollte es so.Ich wollte in diesem Moment nur noch das Baby weg haben.Und zwar sofort. Ich spuerte, dass dies fuer mich das richtige ist.
Wie gebannt betrachtete ich das Ultraschallfoto, das vor ihr auf dem Tisch lag. Mein Baby.TOT.

Da Wochenende war, wurde nicht operiert. Ich sollte also 3 Tage warten bis zum Montag. Dann koennte ich Ausgeschabt werden.
Ich wusste nicht wie ich die Zeit bis Montag ueberleben sollte. Ich ging dann zu meiner Mutter. Erst da wurde mir bewusst was die letzten Stunden geschehen war. Ich konnte nicht mehr und brach zusammen. Weinend, schreiend und habe gegen alles eingeschlagen was mir im Weg stand. Mein Vater rief den Notdienst an und meine Hausaerztin kam und gab mir Leck-mich- am –A.... Tabletten. Nur mit diesen Tabletten konnte ich den ganzen Schmerz bis Montag durchstehen. Dieses Wochenende war das schlimmste in meinem Leben. Wir haben uns von dem Baby verabschiedet und viel zusammen geweint.In der Nacht von Sonntag auf Montag war ich fast die ganze Zeit auf der Toilette. Irgendwas musste auf meine Blase gedrueckt haben und ich bekam auch braeunlichen Ausfluss.

Montags war ich dann im Krankenhaus. Ich lag in einem Zimmer auf der Entbindungsstation. Um mich herum nur schwangere Frauen oder Frauen die froehlich ihr Baby im Arm hatten. Und meins war einfach tot. Ich hatte so einen Hass auf diese Frauen. Die konnten gluecklich sein und ich nicht.

Nach der Ausschabung hatte ich grosse Schmerzen und kam zwei mal an den Tropf. Die Aerzte wollten mich deshalb nicht nach Hause lassen. So ging ich auf eigene Verantwortung heim.Ich konnte keinen Tag laenger dort bleiben.

Die Tage danach konnte ich nicht alleine bleiben. Ich bekam Angstzustaende und schwere Depressionen. Ich fing an die ganze Schuld auf mich zu schieben und verzweifelt nach Fehlern zu suchen. Als Christ fing ich an an Gott zu zweifeln und konnte nicht verstehen warum so viele Menschen ihr Baby abtreiben oder es einfach umbringen wenn sie es nicht wollen. Wie kann er nur sowas zulassen. Wochenlang traute ich mich nicht aus dem Haus und lief nur im Schlafanzug herum.

Auch heute 3 Monate spaeter habe ich das ganze noch nicht verarbeitet . Es gibt Tage an denen wuerde ich am liebsten sterben. Ich hasse meinen Koerper weil er meiner Meinung nach versagt hat. Ich hab nicht mal ein Ultraschallbild von meinem Kind. Das einzigste was mir bleibt sind die Erinnerungen an die schoenen Tage in der Schwangerschaft und mein Mutterpass.
Ich habe regelmaessig Therapien und versuche wieder nach vorne zu sehen. Wir planen unsere Hochzeit und wollen  wieder ein Kind haben.

Es war schwer diese ganze Geschichte aufzuschreiben und alles nochmals zu durchleben.
Aber es hilft mir auch sehr . Alles festzuhalten.

Ich hab hier noch in der schweren Zeit ein Gedicht fuer mein Baby geschrieben.

Mein Kind
Du warst das Licht
In der dunklen Zeit
Du warst die Hoffnung
An die ich nicht mehr glaubte
Du warst die Freude
Die mir fehlte
Du warst das Geschenk
Nach dem ich mich sehnte
Du warst mein Kind
Du warst die Liebe
Die niemals endet
Du warst das Leben
Tief in mir
Du warst mein Glück
Für kurze Zeit
Du konntest nicht bleiben
und musstest zurück
Du warst mein Kind
Jetzt bist du das Strahlen der Sonne
Die hoch am Himmel steht
Du bist der sanfte Windhauch
Der um mich weht
Du bist mein Beschützer
Bei Tag und bei Nacht
Du bist mein Engel
Der über mich wacht
Vergiss nicht
Du bist für immer mein Kind

© Nadja


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