Erfahrungsbericht Nicole

per E-Mail von Nicole eingesandt am 04.08.2005,
Update vom 11.10.2005


Erfahrungsbericht (Zwillinge *Noah* und *Leon*, 23. SSW)

Meine Geschichte…..

….konnte schon jeder lesen, doch jetzt kann ich endlich ausführlicher
darüber erzählen


Im März 2005 erfuhren mein Freund (21 Jahre) und ich (20 Jahre), dass doppelter Nachwuchs unterwegs ist.
Am Anfang ein Schock (plötzlich 2 auf einmal) aber nach ein paar Tagen nur noch Freude.
Die ganze Schwangerschaft verlief ohne Probleme (bis auf die morgendliche Übelkeit).
Wir kauften auch schon fleißig ein da wir der Meinung waren, dass wir alles erledigen müssen bevor ich zu rund wurde.
Kinderwagen war schnell gefunden und wir freuten uns schon rießig.
Wir dachten auch über Namen nach, hatten schon Taufpaten ausgewählt und eigentlich schon alles fertig.
Meine Familie und die Familie meines Freundes freute sich sehr über die Nachricht, dass bald Zwillinge unser Leben auf den Kopf stellen würden.
Wir haben ein tolles Verhältnis zu allen Familienmitgliedern und deshalb stand auch bald fest, dass auch meine Tante bei der Geburt dabei sein sollte.
Alle Untersuchungen beim Arzt verliefen wie gesagt ohne Probleme.

Doch am 12. Juli änderte sich alles.
Ich hatte einen Blasensprung – mein Freund rief die Rettung und ich konnte nur im Bett liegen und weinen. Ich rief meine Mutter an und weinte und erzählte ihr, dass ich ins Krankenhaus müsse.
Natürlich wussten mein Freund und ich, dass Babys in der 21 SSW noch nicht lebensfähig waren, aber alles lief wie ein Film an uns vorbei.

Der Notarzt kam und brachte mich sofort ins Krankenhaus.
Dort angekommen wurde sofort ein Ultraschall gemacht und der Muttermund kontrolliert.
"Muttermund ein wenig geöffnet und ein Loch in der Fruchtblase – sofort Wehenhemmer und Antibiotika" - ich hörte das kaum.
Endlich kam mein Freund ins Krankenhaus, da er mit dem Auto nachgekommen war.
Irgendwie kapierten wir echt nicht was nun passiert war und da es mitten in der Nacht war und mein Freund am nächsten Morgen arbeiten musste
verabschiedete er sich nach 2 Std. von mir.
Ich fiel in einen leichten Schlaf.
Am nächsten Morgen war Blutabnahme angesagt. Man sagte mir, dass ich nicht aufstehen darf und nur im Bett liegen bleiben muss da sich die Fruchtblase noch verschließen könnte. Ich hätte alles getan.
Am Freitag wurde endlich wieder Ultraschall gemacht.
Der Arzt ignorierte alle meine Fragen und als er fertig war mit dem Ultraschall sagte er nur : "es ist kein Fruchtwasser mehr vorhanden, dass Loch hat sich nicht geschlossen – sie werden von den Wehenhemmern befreit und dürfen wieder aufstehen".
Ich sagte nichts. Man hatte mich schon darauf vorbereitet, dass wenn sich nichts bessert, man auch das zweite "gesunde" Kind mit Fruchtwasser nicht retten konnte.

Jeden Abend wenn mein Freund ins Krankenhaus kam, weinte ich - nur am Tag, wenn meine Familie kam verhielt ich mir meine Tränen.
Innerlich wusste ich ja, dass ich meine Kinder tot zur Welt bringen musste doch ich konnte und wollte mich noch nicht von ihnen verabschieden.
Am Freitag wurden mir also die Wehenhemmer abgenommen und bis Dienstag Abend blieb alles ruhig.
Gerade als mein Freund sich von mir verabschiedet hatte, kam ein Arzt und meinte, dass er meinen Muttermund kontrollieren müsse.

Plötzlich sagte er zu mir: " Ich kann schon die Schulter und die Hand spüren, die Kinder werden heute Nacht zur Welt kommen – haben sie denn keine Wehen?"
Nein, natürlich hatte ich keine Wehen – ich war doch noch gar nicht auf Geburt eingestellt und wollte es auch nicht sein.
Am Tag davor wurde geschallt und man sagte mir, dass sich beide Kinder in Querlage befanden und ich im Falle einer Geburt meine Kinder auf normalen Weg gebären müsste.
Ich hätte schreien können, ich wollte einen Kaiserschnitt doch der Arzt meinte, dass eine "normale" Geburt am Besten sei.
Dieser Arzt ( Dr. G.) war der netteste von allen.
Er klärte meinen Freund und mich über alles auf und war dabei sehr ehrlich.
Er sagte mir auch wie wichtig es wäre mich von den Kindern zu verabschieden und ich sie sehen und halten kann wenn ich es wollte – natürlich wollten wir, es sind doch unsere Kinder!!!
Ich rechnete ihm das hoch an, denn kein anderer gab mir so genaue Auskunft wie Dr. G.

Am Dienstag tat sich jedoch nichts und ein anderer Arzt meinte – als wir über die Geburt sprachen – dass ich meinen  Freund nicht mitnehmen sollte um ihn zu "verschonen".

Sollte ich meinem Freund die einzige Möglichkeit (die Geburt) verwehren um seine Kinder ein erstes und ein letztes Mal zu sehen und sich zu verabschieden?
Nein, natürlich nicht!
Ich meinte nur, dass es meine Entscheidung wäre und mein Freund ein Recht darauf habe SEINE bzw. UNSERE Kinder zu sehen.

Am Mittwoch wurde schließlich die Geburt eingeleitet.
Ich rief meinen Freund und meine Tante an um ihnen Bescheid zu sagen.
Sie kamen sofort ins Krankenhaus.
Um 17 Uhr am 20. Juli gingen wir in den Kreißsaal.
Um 19.57 Uhr kam dann unser erster Sohn NOAH auf die Welt und genau eine Viertelstunde später, also um 20.12 Uhr unser zweiter Sohn LEON.

Als die Hebamme unsere Kinder gewaschen hatte, bekam ich unsere Kinder zu mir.
Ich sah sie mir genau an und mein Freund und ich waren erstaunt wie schön sie waren.
Alles war schon komplett ausgebildet und beide waren sie 30 cm lang und 520 bzw. 605 g schwer.
Wir durfte unsere Kinder lange halten und hatten sie sicher 2 Std. bei uns ohne gestört zu werden.
Ich freute mich, dass mein Freund – ihr Vater – und meine Tante dabei waren.
Auch freute es mich, dass Dr. G. bei der Geburt dabei war, denn er ist wie gesagt der netteste Arzt von allen.
Bevor ich in mein Zimmer kam durfte mein Freund seine Kinder noch in ihr "Bettchen" legen.
Das Bett bestand aus einem kleinen Korb mit Decke und Kopfpolster mitKindermotiven darauf.
Mein Schatz legte unsere Kinder so hinein, dass sie sich gegenseitig hielten um nicht allein zu sein.

Am nächsten Morgen durfte ich nochmals in den Kreißsaal zu meinen Kindern und ich nahm meine Mutter mit.
Sie weinte bei dem Anblick ihrer Enkel doch es freute mich so, dass sie da war und sie die Kinder auch sehen konnte.
Man fragte mich auch, ob ich eine Obduktion wolle – doch ich verneinte.
Unsere Kinder sollten so beerdigt werden, wie sie auf die Welt gekommen waren.
Wir bekamen auch noch ein Album mit Fuß – und Handabdruck (von jedem Kind) und 4 Fotos.
Erst 5 Tage später hatte ich eine Ausschabung und dann durfte ich heim.

Wir hatten beschlossen keine eigene Beerdigung zu machen sondern die Kinder in einer Art "Sammelgrab" am städtischen Friedhof beerdigen zu lassen.
Ich wusste schon vorher, dass es bei uns ein Grab für alle Kinder gibt, die tot zur Welt kommen und dass sie nicht als sogenannter "Klinikmüll" entsorgt werden.
Wir sind der Meinung, dass sie hier nicht alleine und gut aufgehoben sind.
Wir besuchen das Grab mindestens einmal die Woche und es ist sehr schön gemacht.
Man findet Luftballons und Windräder, Stofftiere usw.

Ich habe mir gleich eine kleine Schachtel gekauft in der ich alle Erinnerungsstücke unserer Kinder aufbewahre.
Auch ein Gedicht ist dabei, dass wir von unserer Tante bekommen haben:


Still seid leise, es waren Engel auf der Reise.
Sie wollten ganz kurz bei euch sein, warum sie gingen weiß Gott allein.

Sie kamen von Gott, dort sind sie wieder.
Wollten nicht auf unsere Erde nieder

Ein Hauch nur bleibt von Ihnen zurück,
in unsren Herzen ein großes Stück.

Sie werden jetzt immer bei uns sein,
vergesst nie, sie waren so klein.

Geht nun ein Wind an mildem Tag,
so denkt es war ein Flügelschlag.

Und wenn ihr fragt wo mögen sie sein?
Ein Engel ist niemals allein.

Sie können jetzt alle Farben sehen und
barfuss durch die Wolken gehen

Vielleicht lassen sie sich hin und wieder
bei den Engelskindern nieder

Und wenn ihr sie auch sehr vermisst und weint
weil sie nicht mehr bei euch sind

So denkt, im Himmel wo es sie nun gibt
erzählen sie stolz: WIR WERDEN GELIEBT


Nun, heute ist der 21. September und die erste Zeit war echt nicht leicht.
Heute können wir wieder ein so halbwegs normales Leben führen.
Jeden Tag sehe ich mir die Fotos an und weine, doch ich sage mir dann einfach, dass sie jetzt im Himmel sind und dass es ihnen gut geht.

Ich denke mir auch, dass sie es nicht gewollt hätten wenn wir nur dasitzen und weinen würden.
Ich werde stark sein – für UNSERE Kinder.
Sie werden immer in unseren Gedanken und in unseren Herzen leben und wir werden sie NIE vergessen.

Hiermit möchte ich mich auch bei unseren Familien bedanken, da sie uns immer unterstützt haben – egal in welcher Situation.

Dies war also die Geschichte von unseren Zwillingen NOAH und LEON – sie waren zwar nur kurz bei uns doch sie haben so viele Eindrücke hinterlassen die uns niemand mehr nehmen kann.
NOAH und LEON wir danken euch, dass wir euch kennen lernen und 23 Wochen an eurer Seite sein durften.


Nicole

© Nicole


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