Erfahrungsbericht Sara

von Sara zur Verfügung gestellt am 31.05.2005

*Sternchen* *Ada* *Lukas*

Mal sehen, ob auch ich unsere Geschichte aufgeschrieben bekomme,
oder ob ich die Worte doch wieder löschen werde.

Ich weiß gar nicht genau, wo ich anfangen soll. Hm...
Also ich lernte im Sommer 1996 meinen zukünftigen Mann Christian
kennen.
Kurze Zeit später schon und gegen alle Erwartungen zogen wir zusammen und nur wenige Monate später merkte ich, dass irgendetwas nicht stimmt.
Dass die Pille nicht 100%ig wirkt, wenn man einen Magen-Darm Infekt hat weiß ja jeder - aber wie schnell es wirklich gehen kann mit einer ungeplanten Schwangerschaft nicht.
Der Schwangerschaftstest zeigte ein "positiv" an - glauben konnte ich es nicht.
Erst als meine FÄ mir die Schwangerschaft bestätigte ließ ich mich langsam auf diesen Gedanken ein - der unser ganzes Leben verändern würde...
Christian freute sich - eigentlich sofort.
Wir hatten zu der Zeit schon unser Aufgebot bestellt. Ich kann mich noch erinnern, wie meine Mutter meinte, man müsse den Hochzitstermin nun vorverlegen, damit es nicht so aussähe als ob wir heiraten müssen - ich weiß auch noch, wie egal mir das damals war :p
Jedenfalls war ich sehr aufgeregt, als ich zur ersten Untersuchung musste.
Im Wartezimmer saßen zwei schwangere Frauen und ich konnte mir
gar nicht richtig ausmalen, bald auch so dort zu sitzen.
Ich wurde dann vermessen, gewogen und von vorne bis hinten durchgecheckt
Dann bekam ich ein blaues Heft in die Hand gedrückt: Der Mutterpass.
In dem Moment war ich voller Stolz. Alle Zukunftsängste verflüchtigten sich in ein "das werden wir irgendwie schaffen".
Es war ein schönes Gefühl - dieses kleine blaue Heft schenkte mir ein Muttergefühl - ein ganz starkes.

Dann sollte ich zur Ultraschalluntersuchung. Ich kannte das alles noch nicht und erkannte nur einen schwarz-weiß flimmernden nichtssagenden Bildschirm.
Aber das Ultraschallzimmer war schön geschmückt - hunderte von Babyfotos...es war Wahnsinn.
In dieses Gefühlschaos sagte meine Ärztin, dass etwas nicht in Ordnung ist.
In dieser Woche müsse man schon den Herzschlag sehen und er wäre nicht zu erkennen. Ich müsse ins KH und wenn dort auf dem Ultraschall nichts zu sehen wäre würde man eine Ausschabung machen.
Bumm
Ich konnte das zu dem Zeitpunkt nicht wechseln - konnte gar nichts sagen.
Sie erklärte, dass "sowas" schonmal vorkomme, grade bei der ersten Schwangerschaft und dass alles halb so schlimm sei.

Die Ärzte im KH sagten Ähnliches, gaben mir ein Beruhigungsmittel vor der OP, dann die Vollnarkose und dann war alles vorbei.
Ich weiß noch, wie mein Bruder mit seiner Freundin mich besuchte und sie fragte, ob es sehr schlimm für mich sei.
Nein - sowas kommt vor.
An diesen Satz hielt ich mich, verdrängte jede Erinnerung an mein Kind und kehrte schnell ins Alltagsleben zurück.

Im Oktober 1998 kam dann Jonas zu uns. Nach einer absolut problemlosen Schwangerschaft wurde er in der 41. Woche gesund geboren.

Neben dem Muttersein machte ich auch noch mein ABI und Christian, mein Mann, studierte. Es war eine aufregende, vollgepackte Zeit.

Jonas sollte kein Einzelkind bleiben - aber ein bischen Zeit wollten wir uns schon lassen...doch als Jonas 1 Jahr alt war kündigte sich *Ada* an.
Ich hatte sehr zwiespätlige Gefühle diesem Kind gegenüber.
Christian und ich hatten so viel Stress, dass wir uns nicht vorstellen konnten, noch ein Kind mit der nötigen Liebe und Ruhe zu erziehen und auch finanziell alles abzusichern.
Wir stritten viel und hatten keine Unterstützung von unseren Eltern -
ich war richtig verzweifelt und dachte sogar darüber nach, dieses Kind nicht bekommen zu wollen.
Auch die erste Vorsorgeuntersuchtung konnte ich nicht geniessen.
Da schlug das Herzchen meines kleinen Kindes und ich sah nicht einmal richtig hin.
Christian und ich sprachen lange und viel über unsere Situation.
Wir kamen zu dem Entschluss, dass wir unser Kind niemals abtreiben lassen können - dann lieber die ganze Welt gegen uns aber unser Kind bei uns.
Genau an dem Tag, an dem wir diese Entscheidung trafen sollte mein zweiter Vorsorgetermin sein. Die FÄ freute sich über unseren Entschluss, die wusste von unseren Sorgen. Ich bekam meinen Mutterpass und bei der Ultraschalluntersuchtung war unser Kind schön gewachsen doch: Das Herzchen hatte aufgehört zu schlagen.
Ich fiel in ein tiefes Loch.
Mir war sonnenklar, dass unser Kind gegangen war, weil wir es nicht mit der nötigen Liebe und Zuwendung empfangen hatten.
Noch heute denke ich, dass unser Kind es gespürt haben muss.
Die folgende Prozedur kannte ich ja schon - und über einen anderen Weg wurde ich nie aufgeklärt: Ab ins Krankenhaus, Vollnarkose, Kind einfach weg.
Dieses Mal ließ sich der Verlust nicht so einfach verdrängen.
Es tat weh - und egal, was alle sagten ich war traurig und müde und wollte am liebsten nur noch schlafen...
Doch auch dieses Mal kehrte der Alltag ziemlich schnell zurück. Ich hatte niemanden, mit dem ich hätte reden können.
Die Trauer machte ich ganz alleine und heimlich durch.
Später gab ich diesem Kind den Namen *Ada*

Zwar verdrängten wir einen großen Teil der Trauer -
doch der Verlust hatte in unserem Leben etwas verändert. *Ada* hatte uns die Augen dafür geöffnet, was wir wollen vom und im Leben und uns klar gemacht, dass dieses Leben unser Leben ist und nicht durch andere bestimmt werden darf.
Christian und ich waren uns klar darüber, dass Jonas kein Einzelkind bleiben sollte. Wir wünschten uns nun sehr ein Kind - die Wege wie alles gehen soll hatten wir ja schon "erarbeitet" als *Ada* sich angekündigt hatte.

Im Sommer 2001 furen wir nach Sylt in den Urlaub und in diesem Urlaub kam eine kleine Kinderseele zu uns
Als wir davon erfuhren waren wir unendlich glücklich.
Doch zum ersten mal im Leben spürte ich, dass eine Schwangerschaft nicht gut gehen muss. Das Bewußtsein, dass viel passieren kann war in uns und die ersten 12 Wochen wurden zur Zitterpartie.
Als wir den 4. Monat erreicht hatten kehrte die Zuversicht ein bischen zurück. Unser Kind war gut gewachsen, das Herzchen schlug fleißig und er winkte uns auf dem Ultraschall süß zu.
Trotzdem bleib ein komisches Gefühl.
Ich konnte es nicht recht beschreibeb, aber es machte mir Angst.
So ging ich ab der 15. Woche öfter zur FÄ, die aber immer bestätigte, dass alles in Ordnung ist.
Das Gefühl aber blieb.
Am 13.12.2001 war einer der allerschönsrten Tage in meinem Leben.
Wir hatten einen Vorsorgetermin, alles war in Ordnung, unser Kind zeigte uns, dass er ein Junge wird und am Abend suchten wir einen Namen für ihn aus: Lukas.
Auch Jonas war beim Ultraschall dabei gewesen und fand es einfach klasse einen Bruder zu bekommen
Doch immer noch war dieses Gefühl da. Inzwischen konnte ich es besser beschreibeb: Ein ziehen und Hartwerden des Bauches.
Die Frauenärztin sagte, das es sich um die Bänder handle - es sei doch alles in Ordnung.
Ich spürte aber, dass nicht alles in Ordnung ist.
Am 18.12.2001 ging ich noch einmal zur Frauenärztin.
Die Sprechstundengehilfin guckte schon sehr genervt - auch die Frauenärztin war nicht sehr freundlich.
Sie ließ sich aber zu einem Ultraschall überreden und beim schallen wurde sie sehr ernst.
Sie sagte, dass ich zur Vorsicht ins KH müsse. Dort würde man den Muttermund verschließen.
Als ich die Praxis verließ war ich genauso erleichtert wie unwissend.
Ich war einfach nur froh, dass meine Sorgen nun ernst genommen und etwas getan wurde.
Am nächsten Tag brachte Christian mich ins KH.
Ich trug meine Tasche noch selbst hinein - ich wusste gar nichts, wirklich gar nichts.
Bei der Untersuchung stellte der Arzt zunächst eine Flüssigkeitsansammlung vor dem Muttermund fest.
Das könne schonmal sein, wenn man in der Frühschwangerschaft Blutungen hatte
Er schallte ewig lang und ich bekam immer mehr Angst.
Dann erklärte er, dass es sich bei der Ansammlung um Fruchtwasser handelt. Der Muttermund habe sich geöffnet, die Fruchtblase sei prolabiert. Unter diesen Umständen sei ein Muttermundverschluss fast unmöglich -
aber versuchen wollte er es.

Nun durfte ich nicht mehr aufstehen, die Beine wurden hochgelagert und ich kam aufs Zimmer. Dort bekam ich einen Wehentropf gelegt. Jeder der schonmal Partusisten bekommen hat, weiß was danach passiert. Das Herz rast, die Unruhe und Angst wird unerträglich.
Ich realisierte nichts - hatte aber das sichere Gefühl, dass dieses Kind nicht leben würde.
Ich war richtig panisch, fühlte mich alleine gelassen, wusste nicht was auf uns zukommen wird.
Wenig später verlor ich Flüssigkeit. Ich klingelte nach einer Krankenschwester, die beruhigte mich und brachte mich im Bett nach unten zum Ultraschall. Der Arzt meinte, es handle sich nicht um Fruchtasser, es sei alles noch wie zuvor.
Ich wusste es besser - eine Frau spürt doch, was vorgeht.
Doch mir glaubte keiner.
Wenig später platze dann aber die Fruchtblase. Ich weinte und schrie
und wusste, dass nun alle Hoffnung verloren gegangen war.
Die Krankenschwester nahm wortlos den Wehentropf ab und schob mich
in den Kreissaal. Sie reagierte überhaupt nicht auf mein weinen.
Ich war so alleine - und Christian konnte nicht bei mir sein, weil er in der Nacht keinen Babysitter fand.
Im Kreissaal bekam ich eine Beruhigungstabletten.
Für das Kind sei es jetzt sowieso egal bekam ich zu hören.
Danach wurde ich wieder alleine gelassen.
Ich fühlte mich so verloren - hatte solche Angst, wollte der ganzen Situation entkommen.
Als der Arzt kam flehte ich nach einem Kaiserschnitt.
Ich wollte mein Kind nicht gebären, nichts spüren, nichts sehen.
Wenn er schon sterben musste, wollte ich mit dem ganzen gar nichts mehr zu tun haben.

Der Arzt meinte aber, dass eine Geburt auch für später wichtig sei
und ich hatte keine Kraft auf irgendwas zu bestehen.
Lukas sandte leise Klopfzeichen - der Arzt sagte: Wahrscheinlich ist das Kind schon gestorben und Sie spüren was anderes.
Er schallte und konnte das nicht bestätigen. Unser Sohn kämpfte um sein kleines Leben, was alle schon verloren gegeben hatten.
Morgens kam Christian zu mir.
Die Wehen wurden langsam schlimmer - ich verlor viel Blut
und trotzdem waren wir fast die ganze Zeit alleine.
Nach dem Motto: Hier kann ja nichts mehr schief gehen.
Wenn jemand kam, dann sprach keiner. Die Situation war unerträglich.
Gegen Mittag wurden die Wehen ganz schlimm.
Ich hatte noch nie im Leben so einen Schmerz gefühlt.
Es zerriss mich. Im Nachhinein weiß ich, dass es ein inneres Zerreißen war.
Es war, als sterbe ein Teil von mir mit meinem Kind.
Noch immer waren wir alleine - doch angesichts des Blutverlustes bestand Christian nun darauf, dass eine Hebamme zu uns kommt und tatsächlich blieb sie nun bei uns.
Um kurz nach 13.00 Uhr wurde unser Junge geboren.
Zuvor hatte ich ihn nicht sehen wollen, doch als er da war war war das keine Frage mehr.
Alle Ängste waren wie weggewischt. Ich weinte nicht, ich war nur unglaublich stolz auf diesen kleinen, wunderhübschen Jungen, auf Lukas, unseren Sohn.
In der wenigen Zeit in der ich ihn bei uns haben durfte dachte ich nicht an den Abschied. Wir waren eine kleine Familie, eins in diesem Moment und glücklich zusammen.
Doch die Zeit verflog und ich musste Lukas hergeben. Danach wurde eine Vollnarkose gemacht und eine Ausschabung.
Im Nachhinein weiß ich, dass ich Probleme hatte aus der Vollnarkose zu erwachen.
Ich hatte viel Blut verloren und es dauerte lange.
Gewünscht hätte ich mir an diesem Tag, nie wieder zu erwachen.
Ich wollte bei meinem Sohn sein, egal wo - nur bei ihm
Doch ich erwachte wieder.

Es war mir nicht klar, wie weit der Weg war, der nun vor mir lag.
Am nächsten Tag durfte ich - leider war Christian nicht dabei - nochmal ganz in Ruhe Abschied von *Lukas* nehmen.
Da lag mein kleiner Junge.
Winzige Händchen und Füße - weiche Haut. Ich streichelte ihn, traute mich nicht, ihn hochzunehmen. Warum nur? Es war doch mein Kind - aber ich traute mich nicht, nichtmal zu fragen ob ich darf...
Er war so süß - so vollkommen.
Nachdem er mir weggenommen wurde konnte ich nur noch weinen.
Ich weinte - ich weiß nicht wie lange ...bis keine Tränen mehr kamen und weiter.
Sein Geburtstag war der 20.12.2001. Am 23.12. ging ich trotz des niedrigen Eisenwertes auf eigene Gefahr nach Hause.
Am 24.12. saß ich wie paralysiert bei meiner Schwägerin - über unser Kind fiel kein einziges Wort.
Ich weiß von diesen Tagen nichts mehr - ich habe sie wohl durchgeweint.
Am 06.01. wurde unser kleiner Junge beerdigt. In einem winzigen Sarg.
Am liebsten hätte ich mich zu ihm in die Erde gelegt.

In der Zeit danach fror ich wie verrückt - ich hatte immer das Gefühl, dass es meinem Jungen kalt sein muss. Ohne Wärme und Mutterliebe - so allein.
Ich verbrachte viel Zeit auf dem Friedhof, gestaltete das Grab immer wieder neu.
In meiner Trauer war ich immer noch sehr einsam.
Christian war auch traurig, aber ganz anders.
Ich lief auf einen Abgrund zu - oder war im Abgrund und wusste nicht, wie es weitergehen soll.
Der Versuch den Alltag wiederkehren zu lassen gelang nicht.
Die Trauer musste heraus.
Wenig später fand ich das Forum der Schmetterlingskinder.
Hier lernte ich, mit der Trauer zu leben, sie in meine Leben zu integrieren. Ich lernte Rituale kennen, die es mir einfacher machten, mit dem Verlust umzugehen. Ich fand immer ein offenes Ohr und offene Arme.

Ich durchlebte eine ganz, ganz intensive Trauerzeit. nur 4 Monate später wurde ich wieder schwanger.
Im Folgekinderforum wurde ich durch diese Schwangerschaft getragen, die von Problemen geprägt war. Doch Lennart wurde in der 37. Woche gesund geboren, drei Tage nach *Lukas* erstem Jahrestag am 23.12.2002 Inzwischen hat er noch eine kleine Schwester: Catharina, die am 30.10.04 geboren wurde. Die Folge-Folge Schwangerschaft verlief nicht ohne Probleme - aber sie war einfacher zu durchstehen auch mit der Hilfe der Frauen aus dem Forum hier.
Nun ist unser Kinderwunsch erstmal abgeschlosen.
Wir sind sehr glücklich mit unseren 6 Kindern von denen jedes seinen ganz eigenen Platz bei und in uns hat.

Das ist nun lang geworden.
Nun muss ich mich erstmal ausruhen.
Stille Grüsse von
Sara

© Sara


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letzte Aktualisierung dieser Seite: 2009-11-23, 17:40 Uhr

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