Erfahrungsbericht Tina
per E-Mail von Tina eingesandt am 07.08.2007
Hallo, mein Name ist Tina und ich bin 35 Jahre alt. Ich habe bereits zwei gesunde süsse Kinder von 4 und 2 Jahren, deren Schwangerschaften waren auch bis auf einen Kaiserschnitt nach der letzten völlig problemlos.
Nachdem ich immer mindestens drei, lieber vier Kinder haben wollte kam nach einiger Zeit der Wunsch nach einem weiteren Kind auf. Mit meinem Mann führte ich heisse Debatten, er wäre schon mit den zweien glücklich gewesen und wir "einigten" uns dann auf den Mittelwert - also drei. Ich hab dann noch Witze gemacht und habe gesagt dann muss ich eben Zwillinge kriegen um meinen Willen durchzusetzen.
Obwohl ich bei meinen beiden Kindern jeweils im ersten bzw. zweiten Zyklus gleich schwanger geworden war dauerte es diesmal fast ein Jahr bis es klappte. Ich kann mich verrückterweise auch noch an die Nacht erinnern in der es passiert ist - das klingt vielleicht pathetisch, aber ich weiss einfach immer wann mein Eisprung ist. Als meine Periode ausblieb hab ich gleich am nächsten Tag getestet, so nach dem Motto "nur sicher sein dass es eh wieder nicht geklappt hat". Das Testergebnis war dick positiv; im nachhinein ist mir auch klar weshalb. Bei den anderen Kindern war er immer erst mit einer Woche Verspätung positiv.
Diesmal wollte ich relativ lange warten bis ich das erste Mal zum Arzt gehe, auf die Arztrennerei war ich echt nicht scharf und ich dachte dass es eh ist wie es ist. Die ersten Wochen der Schwangerschaft ging es mir mies, ich hatte ständig starke Kopfschmerzen und fühlte mich total aufgeblasen. Ich hab das auf die Schwangerschaft geschoben und war fest entschlossen erst am Ende der kritischen Zeit zum Arzt zu gehen. Die ganzen Untersuchungen und Tests würden schon noch früh genug anfangen. Ich wollte meine letzte Schwangerschaft eben geniessen. Zwischendrin, wenn ich oft nachts raus musste wegen den beiden Kindern hab ich mich auch mal gefragt ob das mit diesem Kind so eine gute Idee war. Das hab ich hinterher bereut.
In der neunten Woche ging es mir aber dann irgendwie gar nicht mehr so gut, ich konnte nicht richtig schlafen, hatte ständig Albträume und Kopfschmerzen. Deshalb rief ich dann doch beim FA an und hab mir für die nächste Woche einen Termin geben lassen. Als ich dann im Untersuchungsraum auf dem Stuhl lag guckte die Ärztin so komisch, hat dann gegrinst und mich gefragt ob es bei mir in der Familie Zwillinge gebe. Meine Reaktion darauf war "lachen Sie mich nicht aus, aber irgendwie hab ich das gewusst". Dann hat sie weiter untersucht und gesagt dass die Schwangerschaft in der 7. Woche sei und dass sie eigentlich die Herzen schlagen sehen sollte. Sie meinte dann noch dass sie denkt dass es sich um eine missed abortion handelt und ich solle zur Sicherheit in einer Woche wiederkommen. Sie würde mir aber gleich einen Termin zur Ausschabung im Krankenhaus machen.
Ich bin dann wie ferngesteuert aus der Praxis raus und hab einer Freundin und meinem Mann eine SMS geschickt. Ich konnte die ganze Zeit nur denken dass wir Zwillinge kriegen. Dann hab ich eine andere Freundin angerufen und hab mir Sorgen gemacht wegen einer Zwillingsschwangerschaft und den Risiken und ob ich mich dann noch um die anderen beiden Kinder kümmern kann. Es hat dann zwei Tage mit Nachrechnen und Recherchieren und allem gedauert bis ich kapiert hatte dass das nicht funktionieren kann. Danach kam eine schlimme Zeit, ich hab mich abgekapselt und nur noch auf den Nachuntersuchungstermin gewartet. Als der da war hat die Ärztin natürlich wieder keine Herzaktivität gesehen, das eine Böhnchen war gewachsen und von der Grösse her okay, das andere hatte sich nicht verändert. Ich hab dann nur noch gesagt ich will das sofort alles raus haben, wenn ich noch eine Nacht mit toten Kindern im Bauch sein muss krieg ich einen Nervenzusammenbruch
Am 10.07.2007 habe ich also unsere beiden Kinder in der 11.Woche endgültig verloren. So wie es aussieht waren sie bereits 3 Wochen lang tot bevor ich überhaupt wusste dass es zwei sind, und nach 4 "toten" Wochen wurde dann die Ausschabung vorgenommen.
Der Eingriff an sich war erschreckend problemlos, ich musste nur vier Stunden lang im OP-Hemd warten bis ich dran kam und durfte auch gleich danach heim. Schmerzen hatte ich weder vorher noch hinterher. Die Ärzte und Schwestern im Krankenhaus waren alle befremdet weil ich so cool war und immer nur gesagt hab dass ich das alles hinter mich bringen will und dass es ja noch keine Kinder waren und dass ich ja nie einen Herzschlag gesehen habe und und und. Der Oberarzt der mich dann operiert hat hat mich gefragt ob das denn überhaupt Wunschkinder gewesen wären, was ich schon reichlich unverschämt fand. So als hätte ich mal schnell eine Abtreibung runtergerissen. Denn vom reinen Vorgang her ist das nichts anderes, nur eben dass das Kind nicht mehr lebt und man es ja behalten wollte.
Danach bin ich noch zwei Wochen rumgelaufen und hab allen erzählt wie wenig mir das alles ausmacht. Ich hab sogar noch meinen Mann vor der OP weggeschickt und gesagt ich mach das schon alleine.
Dann bin ich aggressiv geworden.
Ich habe mich einfach sehr über die Reaktionen meiner Umgebung geärgert. Sie sagen einem man soll froh sein. Wer weiss wofür es gut war. Besser früher in der Schwangerschaft als später. Oder "ist das denn überhaupt eine Fehlgeburt? Wenn sie doch gar nicht gelebt haben?". Freu Dich an Deinen gesunden Kindern. Undsoweiter undsofort.
Objektiv betrachtet bin ich selber schuld. Ich hab ihnen ja dauernd erzählt wie dämlich ich es finde wenn Frauen da so lange rumtun.War doch noch gar kein Baby. Dann eben neuer Anlauf.
Und jetzt kann ich es verstehen. Ich kann verstehen dass sie ihm einen Namen geben. Dass manche noch jahrelang trauern. Und dass jeder anders mit der Trauer umgeht. Ich wollte auch nicht wissen ob es Junge oder Mädchen ist. Das hätte mich bis ans Ende meiner Tage verfolgt, das war mir zu konkret. Ich habe wochenlang nicht geweint, ich hatte auch nicht das Bedürfnis dazu. Aber ich wollte auch keine Nähe, mit niemandem ausser meinen Kindern. Mein Mann durfte mich noch nicht mal umarmen, dabei hat er auch gelitten.
Und dann kam es plötzlich raus. Immer abends im Bett. Ich konnte nicht mehr schlafen, hab nachts stundenlang den grössten Schwachsinn im Fernsehen angeschaut. In Internetforen gewühlt und nach Gründen gesucht. Morgens Schwierigkeiten aus dem Bett zu kommen.
Ich mache mir Vorwürfe. Wäre ich früher zum Arzt gegangen. War der Cappucchino doch nicht gut. Hast Du Dich falsch ernährt. Warst Du zu dick. Schaffst Du es einfach nicht mit Zwillingen im Bauch, packt Dein Körper nur eins. Versagensgefühle. Angst vor einer neuen Schwangerschaft. Dass es noch mal passiert. Diesmal vielleicht schlimmer. Alle unterschwelligen Konflikte mit den Eltern und sonstigen Leuten kommen wieder ans Tageslicht. Ich esse Süssigkeiten ohne Ende, dann fühle ich mich besser. Warte auf meine Tage die nicht kommen wollen. Manche sagen ich steigere mich da rein, inklusive mir selber. Es ist einfach eine Achterbahnfahrt der Gefühle.
Aber was mir am meisten ausmacht: ICH HAB NIX GEMERKT. Wir hatten es allen schon gesagt. Im nachhinein weiss ich: sie waren schon längst tot, als wir es allen gesagt haben. Ich wusste, dass man mal eine Fehlgeburt haben kann. Und dachte dass man das dann eben merkt weil man eine Blutung hat. Oder weil eine gute Mutter das eben spürt. Was weiss ich. Auch mit einer Fehlbildung die beim Ultraschall festgestellt wird hab ich gerechnet. Aber nicht damit dass die Schwangerschaft vorbei ist bevor sie überhaupt angefangen hat und dass es dann auch gleich noch zwei tote Böhnchen sind. Ich kommen mir veräppelt vor. So als hätte mir eine unsichtbare Macht den Mittelfinger ausgestreckt und gesagt "siehste, man kriegt nicht immer was man will, auch Du nicht".
Es ist jetzt fünf Wochen her, es wird jeden Tag besser. Ein hektischer Alltag macht es erträglicher. Aber vergessen kann man es nicht. Ist vielleicht auch gut so.
Nachdem ich immer mindestens drei, lieber vier Kinder haben wollte kam nach einiger Zeit der Wunsch nach einem weiteren Kind auf. Mit meinem Mann führte ich heisse Debatten, er wäre schon mit den zweien glücklich gewesen und wir "einigten" uns dann auf den Mittelwert - also drei. Ich hab dann noch Witze gemacht und habe gesagt dann muss ich eben Zwillinge kriegen um meinen Willen durchzusetzen.
Obwohl ich bei meinen beiden Kindern jeweils im ersten bzw. zweiten Zyklus gleich schwanger geworden war dauerte es diesmal fast ein Jahr bis es klappte. Ich kann mich verrückterweise auch noch an die Nacht erinnern in der es passiert ist - das klingt vielleicht pathetisch, aber ich weiss einfach immer wann mein Eisprung ist. Als meine Periode ausblieb hab ich gleich am nächsten Tag getestet, so nach dem Motto "nur sicher sein dass es eh wieder nicht geklappt hat". Das Testergebnis war dick positiv; im nachhinein ist mir auch klar weshalb. Bei den anderen Kindern war er immer erst mit einer Woche Verspätung positiv.
Diesmal wollte ich relativ lange warten bis ich das erste Mal zum Arzt gehe, auf die Arztrennerei war ich echt nicht scharf und ich dachte dass es eh ist wie es ist. Die ersten Wochen der Schwangerschaft ging es mir mies, ich hatte ständig starke Kopfschmerzen und fühlte mich total aufgeblasen. Ich hab das auf die Schwangerschaft geschoben und war fest entschlossen erst am Ende der kritischen Zeit zum Arzt zu gehen. Die ganzen Untersuchungen und Tests würden schon noch früh genug anfangen. Ich wollte meine letzte Schwangerschaft eben geniessen. Zwischendrin, wenn ich oft nachts raus musste wegen den beiden Kindern hab ich mich auch mal gefragt ob das mit diesem Kind so eine gute Idee war. Das hab ich hinterher bereut.
In der neunten Woche ging es mir aber dann irgendwie gar nicht mehr so gut, ich konnte nicht richtig schlafen, hatte ständig Albträume und Kopfschmerzen. Deshalb rief ich dann doch beim FA an und hab mir für die nächste Woche einen Termin geben lassen. Als ich dann im Untersuchungsraum auf dem Stuhl lag guckte die Ärztin so komisch, hat dann gegrinst und mich gefragt ob es bei mir in der Familie Zwillinge gebe. Meine Reaktion darauf war "lachen Sie mich nicht aus, aber irgendwie hab ich das gewusst". Dann hat sie weiter untersucht und gesagt dass die Schwangerschaft in der 7. Woche sei und dass sie eigentlich die Herzen schlagen sehen sollte. Sie meinte dann noch dass sie denkt dass es sich um eine missed abortion handelt und ich solle zur Sicherheit in einer Woche wiederkommen. Sie würde mir aber gleich einen Termin zur Ausschabung im Krankenhaus machen.
Ich bin dann wie ferngesteuert aus der Praxis raus und hab einer Freundin und meinem Mann eine SMS geschickt. Ich konnte die ganze Zeit nur denken dass wir Zwillinge kriegen. Dann hab ich eine andere Freundin angerufen und hab mir Sorgen gemacht wegen einer Zwillingsschwangerschaft und den Risiken und ob ich mich dann noch um die anderen beiden Kinder kümmern kann. Es hat dann zwei Tage mit Nachrechnen und Recherchieren und allem gedauert bis ich kapiert hatte dass das nicht funktionieren kann. Danach kam eine schlimme Zeit, ich hab mich abgekapselt und nur noch auf den Nachuntersuchungstermin gewartet. Als der da war hat die Ärztin natürlich wieder keine Herzaktivität gesehen, das eine Böhnchen war gewachsen und von der Grösse her okay, das andere hatte sich nicht verändert. Ich hab dann nur noch gesagt ich will das sofort alles raus haben, wenn ich noch eine Nacht mit toten Kindern im Bauch sein muss krieg ich einen Nervenzusammenbruch
Am 10.07.2007 habe ich also unsere beiden Kinder in der 11.Woche endgültig verloren. So wie es aussieht waren sie bereits 3 Wochen lang tot bevor ich überhaupt wusste dass es zwei sind, und nach 4 "toten" Wochen wurde dann die Ausschabung vorgenommen.
Der Eingriff an sich war erschreckend problemlos, ich musste nur vier Stunden lang im OP-Hemd warten bis ich dran kam und durfte auch gleich danach heim. Schmerzen hatte ich weder vorher noch hinterher. Die Ärzte und Schwestern im Krankenhaus waren alle befremdet weil ich so cool war und immer nur gesagt hab dass ich das alles hinter mich bringen will und dass es ja noch keine Kinder waren und dass ich ja nie einen Herzschlag gesehen habe und und und. Der Oberarzt der mich dann operiert hat hat mich gefragt ob das denn überhaupt Wunschkinder gewesen wären, was ich schon reichlich unverschämt fand. So als hätte ich mal schnell eine Abtreibung runtergerissen. Denn vom reinen Vorgang her ist das nichts anderes, nur eben dass das Kind nicht mehr lebt und man es ja behalten wollte.
Danach bin ich noch zwei Wochen rumgelaufen und hab allen erzählt wie wenig mir das alles ausmacht. Ich hab sogar noch meinen Mann vor der OP weggeschickt und gesagt ich mach das schon alleine.
Dann bin ich aggressiv geworden.
Ich habe mich einfach sehr über die Reaktionen meiner Umgebung geärgert. Sie sagen einem man soll froh sein. Wer weiss wofür es gut war. Besser früher in der Schwangerschaft als später. Oder "ist das denn überhaupt eine Fehlgeburt? Wenn sie doch gar nicht gelebt haben?". Freu Dich an Deinen gesunden Kindern. Undsoweiter undsofort.
Objektiv betrachtet bin ich selber schuld. Ich hab ihnen ja dauernd erzählt wie dämlich ich es finde wenn Frauen da so lange rumtun.War doch noch gar kein Baby. Dann eben neuer Anlauf.
Und jetzt kann ich es verstehen. Ich kann verstehen dass sie ihm einen Namen geben. Dass manche noch jahrelang trauern. Und dass jeder anders mit der Trauer umgeht. Ich wollte auch nicht wissen ob es Junge oder Mädchen ist. Das hätte mich bis ans Ende meiner Tage verfolgt, das war mir zu konkret. Ich habe wochenlang nicht geweint, ich hatte auch nicht das Bedürfnis dazu. Aber ich wollte auch keine Nähe, mit niemandem ausser meinen Kindern. Mein Mann durfte mich noch nicht mal umarmen, dabei hat er auch gelitten.
Und dann kam es plötzlich raus. Immer abends im Bett. Ich konnte nicht mehr schlafen, hab nachts stundenlang den grössten Schwachsinn im Fernsehen angeschaut. In Internetforen gewühlt und nach Gründen gesucht. Morgens Schwierigkeiten aus dem Bett zu kommen.
Ich mache mir Vorwürfe. Wäre ich früher zum Arzt gegangen. War der Cappucchino doch nicht gut. Hast Du Dich falsch ernährt. Warst Du zu dick. Schaffst Du es einfach nicht mit Zwillingen im Bauch, packt Dein Körper nur eins. Versagensgefühle. Angst vor einer neuen Schwangerschaft. Dass es noch mal passiert. Diesmal vielleicht schlimmer. Alle unterschwelligen Konflikte mit den Eltern und sonstigen Leuten kommen wieder ans Tageslicht. Ich esse Süssigkeiten ohne Ende, dann fühle ich mich besser. Warte auf meine Tage die nicht kommen wollen. Manche sagen ich steigere mich da rein, inklusive mir selber. Es ist einfach eine Achterbahnfahrt der Gefühle.
Aber was mir am meisten ausmacht: ICH HAB NIX GEMERKT. Wir hatten es allen schon gesagt. Im nachhinein weiss ich: sie waren schon längst tot, als wir es allen gesagt haben. Ich wusste, dass man mal eine Fehlgeburt haben kann. Und dachte dass man das dann eben merkt weil man eine Blutung hat. Oder weil eine gute Mutter das eben spürt. Was weiss ich. Auch mit einer Fehlbildung die beim Ultraschall festgestellt wird hab ich gerechnet. Aber nicht damit dass die Schwangerschaft vorbei ist bevor sie überhaupt angefangen hat und dass es dann auch gleich noch zwei tote Böhnchen sind. Ich kommen mir veräppelt vor. So als hätte mir eine unsichtbare Macht den Mittelfinger ausgestreckt und gesagt "siehste, man kriegt nicht immer was man will, auch Du nicht".
Es ist jetzt fünf Wochen her, es wird jeden Tag besser. Ein hektischer Alltag macht es erträglicher. Aber vergessen kann man es nicht. Ist vielleicht auch gut so.
© Tina
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letzte Aktualisierung dieser Seite: 2009-11-24, 16:57 Uhr
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2007 - 2012
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