Gedanken zu Trauerarbeit und Trauerweg

Am 21.10.2004 schrieb Katrin im "ganz alten" *Muschel*-Forum (DCcgi) ein sehr wichtiges Posting.

Ihr findet es online hier:
"Gedanken zu Trauerarbeit und Trauerweg"
http://forum1.muschel.net/htdocs/dcforum/DCForumID3/1516.html

21-Okt-04, 12:14 Uhr (MEZ)

Auf dieser Seite möchte ich euch meine damaligen Antworten vorstellen,
meine Gedanken zum Thema.
Die Links aus dem ersten *Muschel*-Forum habe ich ebenfalls hinzugefügt.

Wenn ihr selber Textbeiträge zwecks Veröffentlichung an dieser Stelle zur Verfügung stellen möchtet,
würde ich mich über eure Mails zum diesem Thema sehr freuen.

 

http://forum1.muschel.net/htdocs/dcforum/DCForumID3/1516.html#2

21-Okt-04, 15:04 Uhr (MESZ)

RE: Gedanken zu Trauerarbeit und Trauerweg

Liebe Katrin,
liebe Regina,

was für ein schönes Posting...

Wie wichtig doch die Spuren sind,
die unsere Kleinsten in unserem Herzen und unserem Leben hinterlassen...

Ich finde dieses Posting wichtig,
ich setze mich später (oder morgen) in Ruhe an eine Antwort.

Liebe Grüße von Conni

 

http://forum1.muschel.net/htdocs/dcforum/DCForumID3/1516.html#3

LETZTE BEARBEITUNG am: 23-Okt-04 um 10:22 Uhr (MESZ)
23-Okt-04, 10:12 Uhr (MESZ)

RE: Gedanken zu Trauerarbeit und Trauerweg

Liebe Katrin,

du hast schon so vieles geschrieben
- und Regina ebenfalls -
das mir aus der Seele spricht,
das ich genau so ausdrücken würde.
 

Mein Trauerweg...

Ein ganz langer Weg,
denn wir mussten
vor recht langer Zeit
- zwischen Dezember 1990 / Januar 1991 und Mai 1992 -
unsere drei ersten Kinder zu den Sternen gehen lassen.

Da mir von vielen Seiten die Trauer um unser *Sternchen* nicht zugestanden wurde,
hat sich nach unserem ersten Verlust
nach außen hin
noch nicht so viel verändert.

Aber nach dem Abschied von Christopher hat sich fast alles geändert.

Bis dahin
(bis zum Verlust unseres ersten Kindes *Sternchen*)
hatte ich ein glückliches Leben ohne nennenswerte schlimme Zwischenfälle.
Mir ging es gut.

Unsere Sternenkinder haben mich um 180 ° gedreht.

Ich habe meine Blickrichtung geändert.
Gucke nicht nur auf meine kleine Welt,
sondern über den Tellerrand hinaus.

Möchte helfen,
dass Eltern von Sternenkindern so betreut werden,
dass ihnen ein bestmöglicher Weg in einen "gesunden" Trauerverlauf ermöglicht wird.
 

Heilt die Zeit alle Wunden?

Die Wunden vernarben,
würde ich sagen.
Sie sind nicht mehr so stark sichtbar wie am Anfang.
Aber hin und wieder können Narben schmerzen.
Und sie sind nie "weg"
- wir tragen sie unser Leben lang.
 

Ich vergleiche Trauerarbeit immer mit einem Weg "bergauf".

Der kürzeste Weg ist nicht immer der "beste".
Oft sieht man nicht, wo einen der Weg hin führt.
Es kostet sehr viel Kraft,
diesen Weg zu gehen.

Manchmal geht es im Sonnenschein den Berg hinauf
und wir fühlen uns zuversichtlich,
die Spitze leicht, schnell
und ohne Komplikationen
zu erreichen.

Doch da gibt es Täler auf dem Weg...

Manche Täler sieht man von weitem.
Und dennoch, wenn man hineinfällt,
tut es furchtbar weh,
egal, wie lange man sich darauf vorbereiten konnte.
Wenn man sich überhaupt auf den Schmerz vorbereiten kann...

Andere Täler sieht man vorher gar nicht.
Es kann sehr schlimm sein,
wenn man auf einem
vermeintlich geraden
Weg bergauf
auf einmal in ein tiefes Tal fällt.

Man kann hin und wieder den Mut verlieren,
weil man denkt,
man kommt kein bisschen voran.

Man kann den Eindruck gewinnen,
dass es sich nicht lohnt,
aufwärts,
vorwärts
zu gehen,
weil es immer wieder Rückschritte gibt.

Manchmal,
wenn man in einem Tal steckt,
hat man das Gefühl,
dass man nie wieder hinaus kommt.

Wenn da nicht die helfenden Hände wären,
die sich einem entgegen strecken.

Wenn da nicht ein Netz gespannt wäre,
von dem man weiß,
dass es da ist
und einen auffangen wird.

Wenn da nicht erfahrene Bergwanderer wären,
die schon fast oben auf dem Berg angelangt sind
und wissen,
dass im Grunde jeder
den Berg hinauf kommt.

Manche langsamer, andere schneller,
manche schnurstracks, andere mit vielen Pausen,
um Kraft zu schöpfen.
Manche alleine, andere im Team.
 

Ob es jemals wieder gut wird?

Es geht mir heute viel besser als im Mai 1992.

Ich bin glücklich,
hier mit meiner Familie.

Unsere Sternenkinder spielen eine Rolle,
natürlich,
wenn auch meist indirekt:

Die *Muschel*-Seiten sind im Netz
und ich kümmere mich täglich viele Stunden darum.

Aber meine Trauer ist anders geworden,
ich habe es schon einmal geschrieben,
sie ist warm, nur ein bisschen sehnsuchtsvoll.

Unsere Sternenkinder waren und sind in unserem Leben,
ich frage nicht mehr nach dem "Warum?".

Sie waren da,
sie haben viel verändert,
und ich habe es angenommen,
dass mein Leben so verläuft,
wie es das nun einmal tut.

Unsere Sternenkinder haben mir gezeigt,
dass es keine Gewissheit gibt,
dass das Leben so verläuft,
wie man es plant.

Dass Dinge sich ändern
und dass man dankbar sein muss,
wenn man Glück erfährt.

Auch, dass man die glückliche Zeit genießen sollte,
ohne ständig zu grübeln,
was alles passieren könnte.

Ich bin unseren Sternenkindern dankbar,
dass sie da waren,
dass sie unser Leben bereichert haben,
um so viele Erfahrungen.

Durch unsere Sternenkinder habe ich Menschen kennen gelernt,
die mir sehr viel bedeuten.

Natürlich hätte ich mir nicht gewünscht,
dass ich diese Erfahrung,
Kinder zu verlieren,
mache.

Aber ich habe sie gemacht
und sie gehört zu meinem, zu unserem Leben.

Unsere Sternenkinder haben mir gezeigt,
dass Jörg und ich ein gutes Team sind,
wir haben gemeinsam für Christophers Beerdigung gekämpft.

Unsere Sternenkinder haben mich gelehrt,
dass es wichtig ist,
meinen, unseren (Trauer-)Weg zu gehen,
und nicht immer darüber nachzudenken,
was "die Leute" darüber denken.

*Sternchen*, Christopher und *Niklas* haben mich gelehrt,
selbstbewusster zu sein
und für Dinge einzustehen,
die mir wichtig sind.
 

Ich wollte noch etwas schreiben,
aber ich habe es vergessen.

Liebe, auch nachdenkliche Grüße von Conni

 

http://forum1.muschel.net/htdocs/dcforum/DCForumID3/1516.html#6

24-Okt-04, 10:25 Uhr (MESZ)

Folgeschwangerschaften, Folgekinder - RE: Gedanken zu Trauer...

Ihr Lieben,

mir ist noch etwas durch den Kopf gegangen.
 

Ich habe immer gedacht,
wenn ich erst einmal ein Folgekind habe,
wird die nächste Schwangerschaft "wieder gut".

Rund eineinviertel Jahre nach der Geburt von Mathis,
unserem ersten Folgekind,
wurde ich
sehr erwünscht :-)
wieder schwanger.

Und alle Ängste waren wieder da,
denn wieder hatte ich Blutungen
schon in der Frühschwangerschaft.

Dadurch habe ich erfahren,
dass die Ängste wohl nie vergehen.

Dass ich nie wieder so
"naiv", unbesorgt, unbeschwert und nur glücklich und zuversichtlich
schwanger sein würde,
wie in den ersten Wochen der Schwangerschaft mit *Sternchen*.

Ich habe es
in allen Schwangerschaften
gehasst,
wenn mir (von Bekannten) gesagt wurde
"Dieses Mal geht es gut, ich weiß es!".

Denn mir war
nach unseren Sternenkindern
schmerzlich bewusst,
dass niemand wissen kann,
ob eine gute Hoffnung ein glückliches Ende nimmt.

Und dass es Eltern gibt, die mehrere Sternenkinder haben.
 

Daher weiß ich auch,
dass eine lange Wartezeit
zwischen Verlust und erneuter Schwangerschaft nicht wirklich hilft,
weil die Ängste einfach so tief sitzen,
dass sie wohl nahezu unabdingbar zu einer Folgeschwangerschaft dazu gehören.
 

Und noch etwas:

Wir haben uns von Anfang an ein Leben mit Kindern vorgestellt.

Als wir nacheinander drei Kinder zu den Sternen gehen lassen mussten,
war dieser Kinderwunsch nicht weg.

Also haben wir es wieder und wieder versucht,
und nach fünf Schwangerschaften
gehen zwei unserer fünf Kinder
in diesem Leben ein Stück des Weges mit uns.

Sie nehmen den Schmerz nicht weg,
sie machen das Geschehene nicht ungeschehen.

Aber, natürlich,
sie verlangen und bekommen einen großen Teil unserer Aufmerksamkeit,
sie haben den Schmerz gelindert
und sie haben einen großen Teil unseres Lebenswunsches (nach einem Leben mit Kindern) erfüllt.

Versteht ihr, was ich meine?
Ich fürchte,
das ist ein bisschen wirr geschrieben.

Die Trauer wurde durch Mathis und Kaja nicht weniger,
aber sie hat sich verändert.
 

Das hatte ich im vorherigen Posting vergessen
und möchte es eben an den Schluss meines Postings stellen:
 

Unsere Sternenkinder haben mich gleichzeitig härter
und unendlich weich gemacht.

Sie haben mir gezeigt,
dass ich mit Verlusten leben kann,
weil ich damit leben muss,
wen ich nicht zerbrechen will.

Und ich will leben,
mit allen Facetten, die mein Leben bietet.
Ich will gerne leben,
nicht nur über-leben.
 

Liebe Grüße von Conni



bisheriger Link dieser *Muschel*-Seite:
http://www.muschel.net/?q=node/204

künftiger Link dieser Seite (nach dem vollständigen Umzug der *Muschel*-Seiten):
http://www.muschel.net/trauerweg.html


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letzte Aktualisierung dieser Seite: , 15:40 Uhr

© Constanze Tofahrn-Lange, Wangerooge
2008 (2004/10) - 2018


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