Erfahrungsbericht Uta

per E-Mail von Uta eingesandt am 07.10.2005

Fischchen konnte nicht bei uns bleiben (28.09.05)

Ich heiße Uta und bin 37 und seit dem 30. April 2005 mit Christian verheiratet.
Bevor ich im Juni schwanger wurde, waren wir beide unserem Kinderwunsch gegenüber sehr locker eingestellt, entweder es klappt oder eben nicht. Als ich dann allerdings wusste, jetzt würde unser Kind in mir wachsen, war ich so glücklich und so erwartungsfroh, alles war plötzlich anders. Wir freuten uns riesig.

Ich machte nach dem positiven Schwangerschaftstest einen Termin bei meiner FÄ.
Hatte überhaupt keine Ahnung wie der normale Ablauf sein würde. In der 6.SSW hatte ich ein wenig Schmierbluten, das ließ aber wieder nach, machte mir aber doch Sorgen und bin zur FÄ. Sie stellte dann fest, dass es ein Ei gab, ob es lebt könnte sie nicht sagen. Zwei Wochen später war der nächste Termin geplant. In den Tagen vor meinem Termin hatte ich wieder leichte Schmierblutungen. In der Nacht hatte ich einen Traum, in dem ich mein Kind tot zur Welt gebracht hatte, klein und braun und ausgetrocknet lag ein kleiner Junge in meiner Hand, er hatte die Gesichtszüge meines Mannes. Ich war entsetzt als ich am Morgen zur Toilette ging und kleine Blutklümpchen da waren. Ich hatte auch nicht mehr das Spannen im Busen, fühlte mich einfach nicht mehr schwanger, ich war mir sicher, das war es jetzt, ich war total fertig. Habe nicht meinen Termin abgewartet und bin gleich morgens zur FÄ gegangen... beim Ultraschall konnte Sie aber das kleine Herzchen schlagen sehen... welch unglaublicher Moment, ich war überglücklich und wurde für eine Woche krank geschrieben. Die Sprechstundenhilfe legte einen Mutterpass an mit den Worten "sind wir mal optimistisch", ich war optimistisch unser Kind lebte und würde weiter leben, daran habe ich fest geglaubt. Von da an hat Christian Abends meinen Bauch massiert und dabei immer eine Fantasiemelodie gesummt.

In der 12.SSW hatte ich einen weiteren Termin, da wurde die Nackenfalte gemessen und Christian war mit zur US-Untersuchung. Wir haben gesehen wie unser kleines Fischchen schlief und wie es in Aktion geriet nach dem es aufgeweckt wurde, das war so wunderbar, alles war in Ordnung.

In den 4 wochen bis zum nächsten Termin hatte ich keine Blutungen mehr aber ab und zu leichtes Unterleibsziehen und zweimal ein kurzes schmerzhaftes Stechen, habe mir aber weiter nichts dabei gedacht, da es sofort wieder vorbei war. In den letzten 2 Wochen vorm Termin fühlte ich mich gut, aber auch irgendwie nicht schwanger, habe mich da schon gefragt, ob ich es merken würde, wenn Fischens Herz nicht mehr schlägt. Habe mir die ganze Zeit über Gedanken über Behinderungen oder Chromosomschäden gemacht, habe mir aber immer wieder gesagt, dass ich mich auch nicht verrückt machen will. In der letzten Woche vorm Termin hatte ich wieder einen Traum, ich hätte plötzlich starke Blutungen bekommen. Ich war so froh, dass es in der Realität keine Blutungen gab. So bin ich dann total entspannt zu meinem Termin gegangen in dem Glauben wieder ein neues Ultrschall-Erlebnis mit Fischchen zu haben. Ich lag da auf der Liege und sah nichts so richtig auf dem Monitor, wie zuerst immer, sie zeigte das Köpfchen und den Rumpf und wurde unruhig, sie könne keine Herzbewegung erkennen...ich hoffte das Kind läge so ungünstig und schliefe, dass wir es nur zu wecken bräuchten, aber auch mein Husten brachte kein Leben in das winzige Wesen. Es gab keinen Herzschlag mehr! Ich wurde ins Krankenhaus überwiesen, sie sollten dort noch einmal genau schauen.

Ich erreichte zum Glück Christian, der mich dann zur Klinik begleitet hat. Ein ganz kleines Fünkchen Hoffnung hatte ich noch. Das erlosch nach der erneuten gründlichen US-Untersuchung. Unser Fischchen war bereits seit längerer Zeit tot. In der 14.SSW hat es nicht mehr weiter gekonnt. Ich war in der 16.SSW und für mich brach eine Welt zusammen. Der Arzt musste wieder zurück in den Kreissaal und so hatten Christian und ich eine Stunde Zeit, das Gehörte zu verdauen. Als der Arzt wieder kam hat er uns erklärt, wie es nun weitergehen würde. Eigentlich sollte noch in der Nacht damit begonnen werden, bei mir die Wehen einzuleiten, aber sie hätten erst ab morgen wieder Kapazitäten frei.
Ich könnte die Nacht zu hause verbringen und morgen wieder kommen. Er erklärte mir auch, dass ich das Recht hätte das Kind zu sehen, oder Fotos machen zu lassen, auch wäre es möglich eine Bestattung von Fischchen durchzuführen. Er sagte mir auch, dass ich am nächsten Tag mit anderen Ärzten zu tun hätte und wenn ich eine dieser Möglichkeiten in Anspruch nehmen wolle, ich am nächsten Tag unbedingt darüber reden müsse und mich nicht davon abbringen lassen solle, ich habe ein Recht darauf.


Völlig betäubt sind wir nach hause gefahren. Ich habe meine Eltern angerufen und den Tränen freien Lauf gelassen. Christian und ich haben dann ein Glas Wein auf unser Fischchen getrunken und viel geweint. Abschied von Fischchen, das wir nie besser kennen lernen würden, Abschied von unseren Träumen. Die Nacht habe ich kaum geschlafen, habe die Zeit genutzt meinen Bauch zu streicheln und mein Fischchen das letzte mal zu wiegen und zu behüten... mir wurde im Lauf der Nacht klar, dass ich es nicht noch einmal sehen wollte, ich wollte das kleine Zappelfischchen vom Ultraschall in Erinnerung behalten. Es war eine bewußte Entscheidung, die mir Dank des ersten Arztes möglich war. Am nächsten Tag hat mir niemand mehr von den Möglichkeiten berichtet.

Am nächsten morgen war ich ruhig und ich wollte die letzte Etappe mit unserem Fischchen ihm zu Liebe durchstehen. Der Arzt hatte mich darauf vorbereitet, dass das nicht ohne Schmerzen gehen würde. Bevor das ganze eingeleitet wurde, untersuchte mich noch einmal der Oberarzt. Auf diesem Ultraschallbild konnte ich unser lebloses Fischchen noch einmal gut sehen, es lag völlig schlaff in der Fruchtblase und es wirkte wie ein aus dem Nest gefallener Vogel.

Ich wollte wissen, ob das Kind denn untersucht wird, ob ich nachher erfahren würde, woran es gelegen hat. Es handele sich immer um einen Entwicklungsfehler, der dazu führe, dass der Fetus nicht lebensfähig sei, eine genaue Untersuchung sei zu teuer, das würde keine Krankenkasse zahlen.
Ich gab mich damit zu frieden und fragte, ob Christian und ich denn vielleicht besser eine Genetische-Beratugsstelle aufsuchen sollten, bevor wir einen neuen Versuch starten. "Hatten Sie denn schön öfter Probleme?!" "Nein." "Dann müssen sie das auch nicht, einmal ist kein mal!"

Der erste Arzt hatte zum Glück dafür gesorgt, dass ich für den schlimmen Tag allein in einem Zimmer sein würde. So durchstanden Christian, der Urlaub bekommen hatte, und ich gemeinsam die knapp 10 Stunden bis der Muttermund endlich weich und offen genug war. Der behandelnde Arzt und die Krankenschwestern waren total lieb zu uns und ich kämpfte mich durch den Tag.
Abends lernte ich eine weitere Ärztin kennen, die meine Behandlung übernahm und auch der Oberarzt tauchte nochmal auf und erlöste mich durch sein Eingreifen von den zuletzt unglaublichen Schmerzen, endlich kam das Blut auf das ich den ganzen Tag gewartet hatte, und ich kam in den OP. Nach einer Stunde war alles vorbei, Christian war wieder bei mir und ich war hundemüde, bin auch schnell eingeschlafen und habe die Nacht im Krankenhaus verbracht. Am nächsten morgen hatte ich noch ein Gespräch mit der Ärztin, die total fürsorglich war und um acht hat mich Christian nach hause geholt.


Die letzte Woche war ein auf und ab der Gefühle, mal kann ich unser Fischchen sehen wie es beflügelt durch die Gegend flattert und Christians Melodie, die jetzt Fischchens Melodie ist, summt. Dann wieder kommt die Trauer, manchmal wie eine Walze, die mich überrollt und völlig umhaut, ein anderes mal sind es stille Tränen. Die Momente, in denen ich mich nackt im Spiegel sah und alles noch so unglaublich schwanger aussah waren schlimm. Sehr gut ist, dass Christian und ich uns sehr Nahe sind, und wenn wir es brauchen summen wir Fischchens Melodie, manchmal weinend, aber manchmal auch lächelnd.

Heute war ich zur Nachuntersuchung bei meiner FÄ. Sie hatte auf einen Befund aus der Pathologie gewartet, der wohl nie kommen wird, da Fischchen nie in die Pathologie gekommen ist, zumindest wusste das Pathologische Institut von nichts, es wird wohl nur einen Bericht aus dem KH geben. Ich fühle mich dabei nicht gut, ich hätte wohl darauf bestehen müssen, aber das war mir in dem Moment, als ich mit dem OA sprach nicht klar. Da der erste Arzt auch wie selbstverständlich davon ausgegangen war,dass eine pathologische Untersuchung statt findet, ging ich davon aus, der OA bezog sich nur auf spezielle Untersuchungen.

Ich hätte gern mehr über die Umstände erfahren, die zum Tod führten...
Helfen würde es auch nicht, aber es würde vielleicht etwas für die Zukunft bedeuten. Auch hätte ich gerne erfahren, ob es ein Junge oder Mädchen war, aber das war ebenso nicht möglich... so bleibt es für immer unser Fischchen.

© Uta


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